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lich beweiſen zu wollen, daß weiß weiß iſt, weil es eben Alle bereits für weiß gehalten haben. Dieſen Anſichten gegenüber räume ich bereitwillig ein, daß ſie berechtigt ſein würden, wenn vorliegende Abhandlung nichts anderes ſein ſollte, als eine Zuſammenſtellung und Reproducierung des bereits Geſagten und Anerkannten. Aber gerade das, wie ſich weiter unten zeigen wird, ſoll ſie nicht ſein.
Ein anderer Theil der Beachter obigen Themas wird von entgegengeſetzter Anſicht ausgehen und denken: noch immer und jetzt wieder von einer Berechtigung des Idea⸗ len in der Kunſt reden zu wollen iſt doch durchaus nicht am Platze und durchaus nicht zeitgemäß, da die Bildung und Entwickelung unſerer Zeit zur Genüge dargethan hat, daß das Ideale überhaupt etwas ſehr Problematiſches iſt, da die Kunſt ganz andere Zwecke, vor allen Dingen realiſtiſche verfolgt, und ein Kunſtwerk nur durch den Character des Realiſtiſchen An⸗ ſprüche machen kann, ein ſolches zu ſein und als ſolches aner⸗ kannt zu werden. Die Natur, wie ſie iſt— wird man von dieſer Seite her ſagen— iſt ſchon an und für ſich das höchſte Kunſtwerk, und Alles, was von einem Künſtler gefordert wer⸗ den kann und muß, beſteht darin, daß es ihm gelinge, die Natur in ihrer Wahrheit und Schöͤnheit getreu wieder zu geben. Will man ihr dazu noch einen idealen Gehalt geben, ſo wird man wieder in den Fehler der Romantik verfallen, die von der modernen Bildung verurtheilt und von der Wiſſenſchaft gründ⸗ lich abgethan iſt. Alle Anklänge von etwas Transſcendentem in der Kunſt ſind ihrem wahren Weſen mehr ſtörend als förderlich, da alles Trausſcendente immer mehr oder weniger in einem gewiſſen Gegenſatz zur Natur ſtehen wird. Es iſt alſo obiges Thema nichts anderes, als das Wiederauftreten von Forderungen, die nicht berechtigt ſind und als ſolche längſt dem Schickſal der Vergeſſenheit anheim gefallen ſein ſollten. Dieſen Anſichten gegenüber räume ich zunächſt nur ein, daß ſie allerdings ziemlich weit verbreitet ſind, keineswegs aber, daß ſie darum auch im Ganzen wahr ſind. Sie enthalten allerdings


