Aufsatz 
Die eschatologischen Anschauungen der Griechen und die sepulcralen Inschriften des Corpus inscriptionum graecarum : ein Versuch / von Anselm Braun
Entstehung
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sei Vorstellung des ganzen Volkes, dass der Geist beim Tode zerfliege. Cfr. de rep. I., 330 D. Jene standen im bewussten Gegensatz zu den Lehren von der Unsterblichkeit und besse- rem Leben im Jenseits. Aus einer Reihe von Inschriften nicht früher Zeit, d. h. aus solcher, in der nothwendiger Weise Gebildeten und das sind unstreitig die Verfasser der folgenden andere Ansichten über die Existenz eines Jenseits bekannt sein mussten, geht hervor, dass sie sich tröstlicherer Lehren begaben, sich sceptisch oder gleichgültig verhielten, oder auch sich an homerische Anschauungen anschlossen, obschon bei der entwickelteren Ansicht von der Individualität der Gedanke an Vernichtung unerträglich, Nichtmehrsein entsetzlich erscheinen musste. Der Tod war das Bild ewiger Verbannung mit allen Schrecken derselben.*)

C. I. Nro. 1794a, von Anactorium. Die Inschrift stammt aus einer späteren Zeit, in welcher man Leichname in den 16,ε⁴ένοι von Tempeln beisetzte. Man darf also an- nehmen, dass der Verfasser derselben und sein Vater, der jener Ehre theilhaftig wurde, die Unsterblichkeit der Seele in irgend einer Form kannten.

C. I. Nro. 1897, von Corcyra. Stand auf einer Bleiplatte, welche der Statue des Verstorbenen angeheftet war. Thrason und sein Lehrer Theogones glauben beide nicht an ein jenseitiges Leben. Dies ist mit Bewusstsein ausgesprochen. Als Aerzte waren sie jedenfalls mit irgend einer anderen Ansicht über den Zustand der Seele nach dem Tode bekannt. Boeckh I. l. per honorem hoc munus parentium honoribus par Thra- son Theogeni tradit. Theogene est accusativus. Qui ne mortui quidem oblivionem tulisset.

C. I. Nro, 1907, von Corcyra. Gehört einer späteren Zeit desswegen an, weil sie in Jamben abgefasst ist und von einem Compilator spricht. Der Verstorbene, ein ge- lehrter Mann, welcher wie Aratus und Eratosthenes sich mit Cosmologie und Astronomie beschäftigt und Gedichte darüber gemacht hat, prospere aemulatus est heroicam Homeri poesin, war also mit homerischen Anschaunngen bekannt, deren Anhänger er ist.

C. I. Nro. 2347°, von Syros. Dass diese Inschrift aus späterer Zeit ist, beweist erilνοπιοs, welches erst in späterer Zeit die Bedeutungtadelnswerth angenommen hat und an unserer Stelle nur diese Bedeutung haben kann. Nicocrates, welcher als ein selbst bei den gebildetsten der Griechen, den Athenern, wegen seiner Wissenschaft ge- feierter Mann bezeichnet wird, hält als solcher mit Bewusstsein an Homer fest.

C. I. Nro. 4174, von Amasia. Der Verstorbene hat sich ein Verdienst darum er- worben, dass er die zerfallenen Grabmäler von Heroen wieder hergestellt hat. Ihren diesseitigen Nachruhm hat er also durch die Denksteine aufrecht erkalten.

C. I. Nro. 6298, von Rom. Ist die goldene Tafel(eherne wurden in mehreren Gräbern gefunden, cfr. Becker, Charicles III., 112), welche einst im Besitze Millingens War.**) Der Verstorbene versichert, dass er es so gefunden, wie er im Leben geglaubt: kein Acheron(der nach Pausanias zuerst in der Minyas erwähnt ist), kein Fahrzeug; Knochen, Asche und Schmutz sind wir, nichts Anderes. Von einer kräftigen Hoffnung ist keine Spur. In dieser Inschrift ist Aeacus 22ε.doꝰ Eos genannt, während sonst Hades Pförtner, ναορνςα heisst, II. VIII., 367 und nach Pausan. V., 20. 1 den Schlüssel als Attribut hat. Die Anschauung, dass Charon für den Obolus die Schatten übersetzt, Lucian. dial. mort. XI., 4., Catapl. 18, ist nicht allgemein gewesen, denn in frisch ge- öffneten Gräbern hat man das Fährgeld nicht gefunden, weder zwischen den Zähnen des Gerippes, noch in der Grabvase, noch neben derselben, noch auch im Schutt. 5⁶) Bei den Etruskern ist Charon nicht mehr der mürrische, zankende Alté, sondern ein

54) Hermann, Gottesdienstliche Alterthümer, S. 205.

55) Rink, die Religion der Griechen und Römer nach historischen und philosophischen Grundsätzen, gegen Ende.

56) Urlichs im N. Schw. Mus. I., 154.