Aufsatz 
Die eschatologischen Anschauungen der Griechen und die sepulcralen Inschriften des Corpus inscriptionum graecarum : ein Versuch / von Anselm Braun
Entstehung
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das Wie betont und man demnach annehmen dürfte, dass bei Erwähnung der Todten mehr und mehr der Name Tartarus eingeführt worden wäre, so weisen doch nur zwei Inschriften m. W. denselben auf: C. I. Nro. 5816 von Neapel, 6210 von Rom. Die Inseln der Seligen sind erwähnt C. I. Nro. 6279 von Rom. lu bewohnst die Inseln der Seligen in vieler Tafelfreude, in anmuthigen Hainen, ausserhalb aller Leiden, keine Kälte, keine Krankheit belästigt dich, du hungerst nicht und dürstest nicht. Ofr. Nro. 5872. 2*)

Die eschatologischen Anschaungen in den homerischen Hymnen, welche eine ganz andere mythologische Richtung vertreten, sind doch fast dieselben, wie die der ältesten Epiker. Neu ist die Bezeichnung Polydegmon und Pluto für Hades. Der Unterwelts- gott ist nicht mehr so sehr der schreckliche, vor dessen Behausung, dumpf und voll Wustes, Il. XX., 65, selbst Göttern graut, als der mannigfachen Segen aus der Tiefe der Erde spendende. Hymnus in Cerer. 18. Aller Reichfbum der Gewächse wie der Metalle kommt von dem in der Tiefe herrschenden Gott.

Die Dichtungen des VII. und VI. Jahrhunderts sind nur in verhältnissmässig spär- lichen Fragmenten auf uns gekommen. Trotzdem geht aus denselben hervor, dass Homer noch immer obwaltet. Archilochus fragm. 15: das 0να ist der eigentliche Mensch. Das Jenseits ist traurig: Theognis 705 ff., 973, 1035, 1128. Die Unsterblich- keit besteht in der Unsterblichkeit des Namens: Tyrtaeus 9, 31, Simonid. 97, 98, 124, Theognis. 241. Das elysische Gefilde erwähnt Ibycus. Cfr. Apoll. Rhod. schol. IV., 815. So fröhlich auch Anacreon scherzt, spricht er doch sein Grauen vor dem Tode aus, fragm. 43. Jenen oben aus Homer angeführten Stellen über die Armseligkeit und Nichtig- keit des menschlichen Lebens entspricht das Aesopusfragment, Mimnermus fragm. 1, 2, 4, 5, Solon fragm. 14. Daher fordert der Letztere, fragm. 15, auf, das Leben zu ge- niessen. Diesen Stellen reihen sich an:

C. I. Nro. 4466, von Antiochia ad Daphnen. Kassiodorus hat die traurigste Welt und das thränenreiche Haus der Eltern verlassen und liegt nun im finsteren Hades. Keiner Hoffnung ist Ausdruck gegeben.

C. I. Nro. 3328, von Smyrna. v. 7 u. S ist dem Todten Bewusstsein beigelegt, die Inschrift gehört also einer späteren Zeit an. Cfr. C. I. Nro. 1156 von Argos und 5820 von Neapel.

Das Leben des Menschen ist trostlos, ohne Gewissheit der Versöhnung, ohne Zu- versicht auf endliche Gnade. Während die Götter uαnoe sind, werden die Menschen delot genannt und die Todten 50010!, 2dαανες, functi laboribus. Jeder wirkliche Trost ist von vornherein abgeschnitten, wenn auch die Eltern, II. XVII., 38, Genugthuung da- rin finden, dass der Feind des erschlagenen Sohnes nun selbst gefallen ist, oder die Gattin sich mit dem Gedanken tröstet, dem Gatten in seinen letzten Augenblicken nahe gewesen zu sein, II. XXIV., 703. Und wenn Penelope, Od. XVIII., 202, sich sanften Tod durch die Geschosse der Artemis wünscht, cfr. Od. XX., 79, oder Laertes um den Tod fleht, Od. XV., 353, oder Odysseus überlegt, ob er ausharren oder sich in's Meer stürzen soll, als widrige Winde ihn wieder vom Vaterlande verschlagen wollen, oder endlich die verzweifelte Jocaste ihren Leiden in der That durch Selbstentleibung ein Ende macht, was werden sie gewinnen? Nur unglücklicher können sie im Tod werden. Der homerische Mensch sucht nach anderem Troste, indem er die Zeit zwischen Tod und Unsterblichkeit theilt, wie z. B. Castor und Pollux abwechselnd todt und lebendig sind, oder er nimmt eine Trichotomie seiner an. Isocrates XII., 260, spricht die home-

²²) Ueber das Lokal der Unterwelt, cfr. G- Hofmann, Programm des Gymnasiums zu Greuznach, 1867, S. 11.