Aufsatz 
Die eschatologischen Anschauungen der Griechen und die sepulcralen Inschriften des Corpus inscriptionum graecarum : ein Versuch / von Anselm Braun
Entstehung
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verehrt, und so die Gebräuche der Necromantie cultivirt, welche freilich älter als der Todtencult der Heroen ist. Wie das Christenthum mit Weissagung und Wunder, so erscheint das Heidenthum mit Magie und Zauberei begleitet. So wurzelt auch die Necromantie im Heidenthum, blühte aber besonders zu jener Zeit, in welcher die my- thologische Seite seiner Religion durch Refiexion ihres hohen Nimbus entkleidet war und die rein menschliche Sehnsucht nach Offenbarung jene unnatürliche Lust an magi- schen Operationen, Divinationen, Beschwörungen, hervorrief, welche einerseits eine in- directe Apologie der Offenbarung, andererseits ihr grösstes Hinderniss war. Wäre die Todtenbeschwörung nicht ein Beweis von dem allgemeinen Glauben an die Unsterblichkeit der Seele, ein negativer Beweis für die Wahrheit der Offenbarung und eine Rechtfertigung der Motive der Glaubwürdigkeit der Offenbarung, so stünde sie als die demüthigendste Bethätigung des menschlichen Stolzes in der Geschichte. ¹⁹½) Varro leitet sie zwar aus Persien ab, August. de civit. dei VII., 35, sie ist aber ein so natürliches Product als irgend eine andere Form der Magie und ebenso allgemein verbreitet. Cfr. Moses III., 20, 27, Od. XI. a. m. O., Horat. Sat. I., 8, 24, Lucan. Pharsal. VI., 580., Lucian. Menipp. 8, Cic. Tuscul. I., 16., Div. I., 58, c. Vatin. 6, Tacit. Annal. II., 28., Corpus inscr. gr. Nro. 1030 und 1034. Im classischen Alterthum ist sie also nicht allein von einzelnen geübt worden, sondern hat sogar als förmliches traditionäres Institut gegolten. ²⁰) Zuletzt wurde fast jeder Todte, auch wenn er nicht um sein Vaterland verdient war, Heros genannt, indem man mehr und mehr die höhere Ilerkunft der Seele erkannte. Dieses Erklären der Verstorbenen zu Heroen wurde dαρσOσνραυᷣεεν und jedes Grab, selbst wenn es nicht in Form eines Sacellums oder Tholariums erbaut war, Heroon genannt. Die auf Darstellungen eines Familienmahles vorkommenden Götterbilder sind nach Per- vanogün, S. 36, idealisirte, heroisirte Verstorbene im Kreise ihrer Angehörigen, gegen andere, welche jene für Mahlzeiten von wirklichen Göttern, denen sich die Gläubigen zum Opfer und Gebete nahen, oder für Anatheme halten.*¹)

C. I. Nro. 2127. Timotheus soll im glücklichen Jenseits mit den Heroen vereint sein.

C. I. Nro. 3019, von Ephesus. Der Verstorbene sagt bestimmt von sich aus, dass er nicht im Acheron, sondern im heiligen Sitz der Heroen wohne.

C. I. Nro. 3277, von Smyrna. Ist, wie die Namen ergeben, aus römischer Zeit. Die Todte ist Heroine geworden.

C. I. Nro. 5727, von Catana. Die berühmte Stadt der Frommen, worunter wegen Amphinomus und Anapia Catana zu verstehen ist(cfr. Pausan. X., 28, 2, Silius Ital. XIV., 196., Corpus inscr. graec. l. l.) hat dem Verstorbenen das Denkmal gesetzt, da- mit er noch unter künftigen Sterblichen als Heros genannt werde.

C. I. Nro. 1888, von Corcyra. Die Inschrift stammt aus Scheria und bezieht sich auf einen Ertrunkenen. Basilides ist als Heros begrüsst. In vielen der aus dem Cor- pus inscr. graec. citirten Gräberinschriften ist das Grab als Heroon bezeichnet. In diesem Heroon liegt u. s. W. Cfr. das Fragment des Speusippus bei Bergk. Gr. L.

Obschon Hesiod weniger den Zustand der Todten, als ihren Aufenthalt, die un- ermessliche Kluft, in welcher die grosse Göttin Nacht mit ihren Kindern Tag und Aether, Schlaf und Tod wohnt, den Cerberus, die Erinyen, Typhoeus in scharfen Strichen vor Augen führt, Theog. 294, 455, 617, 717, 745, 789, 820, überhaupt mehr das Wo als

19) Döllinger, Heidenthum und Judenthum, S. 184. 2²0) Schömann, Gr. Alterth. II., 551. 2¹1) Ausser den von Ross, Fellows, Blouet, Pacho u. A. beschriebenen Grabmälern sind uns die Abbildungen vieler auf grossgriechischen und athenischen Vasen erhalten. Cfr. Guhl u. Koner, Leben der Griechen und Römer, 91 ff., 323. 2