Aufsatz 
Die eschatologischen Anschauungen der Griechen und die sepulcralen Inschriften des Corpus inscriptionum graecarum : ein Versuch / von Anselm Braun
Entstehung
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ihrer Anbeter fortzuleben hofft. Auf Grabsteinen und Sarcophagen sieht man oft tanzende Figuren dargestellt. Aus denselben lässt sich mit Nichten darauf schliessen, dass das betreffende Grab einer Tänzerin oder einer Mima angehöre, auch nicht aus den dem Todten beigegebenen Gegenständen auf die Stellung, welche er im Leben ein- genommen habe. Es ist das ein kleinliches Hülfsmittel einer mit dem Grundgedanken der Lebensauffassung der Alten wenig vertrauten Archäologie. Allegorische Deutung ist im Alterthum selbst von den tiefsten Geistern geübt worden, andererseits hat sie ohne Zweifel viel dazu beigetragen, das Verständniss der ältesten religiösen Denkweise zu trüben, nichts destoweniger aber die Fortdauer der hergebrachten Grabdarstellungen zu sichern. ¹ Jene Tänzerinnen deuten die Harmonie der Orchesis an, welche in den Mysterien eine grosse Rolle spielt. Lucian. de saltat. XV., 16. Ebenso ist die Lyra in Gräbern und auf Denkmälern zu erklären. ¹⁵)

Diese Inschriften, welche im homerischen Sinn die Unsterblichkeit der betreffenden Personen bewirken sollen, lassen sich noch vermehren. Cfr. C. I. Nro. 1342, 4599, 5727, 6857, 6890, die, wie aus anderweitig in ihnen enthaltenen Daten zu schliessen ist, ver- schiedenen Zeiten und nach der Angabe des Fundortes verschiedenen Gegenden ange- hören. Nro. 1342 aus Sparta. 4599 aus Palästina, 5727 aus Catana. Diesen reiht sich die Klasse derjenigen an, welche einfach den Namen und ανe αꝙςε 2αeοωνάaufweisen. Es mögen genügen C. I. Nro. 1000 von Salamis, 1005 von Athen. Ohne von einer Verewigung des Namens oder von Nachruhm zu sprechen ist eine Anzahl erhalten, welche ein jen- seitiges Leben, einen Zustand nach dem Tode mit keinem Worte erwähnen, sondern, wenngleich grösseren Umfangs, nur den Namen des Verstorbenen, das Patronymicon, Demoticon, oder den Namen des Dedicators, Grad der Verwandtschaft, die Umstände des Todes, Vorzüge, Aemter u. s. w. anführen. Antworten auf das xaioe sind zusammen- gestellt von Rink, Kunstblatt 1828, Nro. 42 und von Curtius, Archäol. Zeitung 1845, S. 147, cfr. Pervanoglu S. 92. D)ieser Abschiedsgruss hat nach Stackelberg tiefe Beziehung auf ein höheres Leben der Seele.

C. I. Nro. 1157, von Argos. Der Lebensfaden, welcher Sosipatra von den Moiren zugesponnen wurde, ist zu Ende, sie hat den Lauf des unsterblichen Schicksals vollendet.

C. I. Nro. 765, von Athen. C. I. Nro. 1498, von Maina. C. I. Nro. 3388, von Smyrna. C. I. Nro. 2664 v., von Amorgos. C. I. Nro. 1886, von Corcyra. Diese In- schrift hat acht Verse, ist also lang genug, dass darin des jenseitigen Lebens Erwähnung geschehen konnte; statt dessen spricht sie von den Beziehungen, die der Todte zum Diesseits hat.

C. I. Nro. 2898, von Heraclea ad Latmum. Der Schatten des Verstorbenen ist im Hades, da ihm die Moira einen längeren Lebensfaden nicht zuspann.

Solche trübe Anschauungen mussten, als die von dem allgemeinen Ideal erdrückte besondere menschliche Individualität sich Bahn brach, den bittersten Unmuth hervor- bringen und in der That die Zahl derjenigen Inschriften, welche über das entsetzliche Schicksal der verlassenen Menschheit unverhohlenen Groll aussprechen, ist nicht gering. Nicht Jeder tröstet sich mit dem Gemeinplatz solamen miseris etc., wie die Herais C. I. Nro. 2264 r., αm0Ołzu- e Hoονν α liοs ëνινιας dlel. cfr. C. I. Nro. 3136, 6854, 6266, 6863, 6996. Jene Inschriften beweisen, dass der Zudrang zu den Mysterien, welche dem gedrückten Herzen Trost boten, nicht so allgemein war, dass es im Gegentheile viele und zwar von der Blüthe des Mysteriendienstes bis in jüngere Zeit gab, welche entweder keine Kenntniss von jenen Hoffnungen hatten, oder, und dies wird die Mehrzahl ge-

14) Bachofen, Gräbersymbolik, S. 243. ¹15) Anders Pervanoglu, Grabsteine der Griechen, S. 87.