Aufsatz 
Die eschatologischen Anschauungen der Griechen und die sepulcralen Inschriften des Corpus inscriptionum graecarum : ein Versuch / von Anselm Braun
Entstehung
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haben. Den 1αασοαισια Eurip. Troad. 1189. stand sicherlich, Kenn sie um Abfassung einer Gräberinschrift angegangen wurden, eine Masse von Reminiscenzen zu(iebote, so dass sie Anschauungen bereits vergangener Zeiten vorbrachten und die Unterschei- dung schwer wird zwischen ihrer Zeit, die nach den Characteren der Schriftzüge fest- zustellen ist, und derjenigen, in welcher die von ihnen herangezogenen Zeilen geschrie- ben wurden. Der Schmuck, welcher Leichen mitgegeben wurde, lässt die Zeitbestimmung in den meisten Fällen unsicher. Viele Grabsteine sind zweimal gebraucht worden, indem man die Schriftzüge überarbeitete, die alten Namen ausmeiselte und neue dafür einsetzte. ¹) Waren Darstellungen en relief, etwa ein Portraitkopf auf dem Grabstein angebracht, so brauchte man nur den der zweiten Persönlichkeit an seine Stelle zu setzen, für welche Procedur die käuflichen Monumente eigens eingerichtet wurden. Selbst bei Grabreliefs aus der Blüthezeit griechischer Kunst wurde der Portraitkopf des Verstorbenen aus anderen Stücken aufgesetzt, woraus hervorzugehen scheint, dass schon in alter Zeit Handel mit Grabsteinen getrieben wurde, auf denen man nachher die Ergänzung an- brachte. Manche Götterstatue, vielleicht selbst die schlafende Ariadne des Vatikan, ist weiter nichts, als ein idealisirter Verstorbener. ²) Gelingt es uns nach dem Vor- stehenden auch nicht, aus den Gräberinschriften allein die Vorstellungen der Griechen über den Zustand der Seele nach dem Tode und das jenseitige Leben vollständig fest- zustellen, noch weniger, sie historisch zu entwickeln, so ist doch, wie gesagt, der Ge- winn, den sie für unsere Kenntniss derselben haben, gross genug, zudem sie das, was Dichter, Philosophen und Geschichtschreiber darüber lehren, bestätigen und in einzel- nen Fällen Neues bieten. Darauf muss sich diese Abhandlung, mein erster Wersuch, beschränken. Massgebend sind nicht diejenigen Inschriften, welche überhaupt in griechi- schen Buchstaben gefertigt sind, sondern die, welche griechischen Geist athmen. Von Colonieen sind nächst denen auf der Westküste von Kleinasien besonders die gross- griechischen berücksichtigt worden, deren Todtenkammern für Grabcult eine reiche Ausbeute bieten.

Bestimmtes über die eschatologischen Vorstellungen der vorhomerischen Griechen können wir bei dem Mangel an GQuellen nicht erfahren; wir müssen uns mit dem be- gnügen, was Homer als Repräsentant einer weit vor ihn hinaufreichenden Zeit bewahrt hat. Alles was unter dem Namen des Orpheus cursirt, ist Machwerk einer späteren Zeit. ³) Herodot II., 53 sagt, dass alle Dichter, welche man für älter als Homer und Hesiod ausgebe, für jünger zu halten seien.)

So einfach die homerische Anthropologie ist, sie unterscheidet doch schon zwischen Leib und Seele. Nach der vortrefflichen Auseinandersetzung Peuffels in Paulys Real-Eneyclopädie unterInferi, pag. 156, sind in Bezug auf den Zustand der gestor- benen Menschen gemäss der Verschiedenheit der Abfassungszeit der einzelnen Stücke Nei bis drei Darstellungen anzunehmen. Die Todten sind in Rücksicht ihrer physischer Existenz Gνtα, Od. X., 495, G 0⁵ενναιτη‿ἀοα, Od. X. 521, 536. XI., 29, 49, wesenlose Häupter, 51004., XI., 476. II. XXIII., 72. Sie werden, Od. XI., 222, mit Traumbildern verglichen, II. XXIII., 100, mit Rauch; Od. XI., 206, nichts Fassbares. Sie sind ohne Kraft, Od. XI., 393, 00o ε&ε νν ε 2⁴μηιεαος. Sie haben kein Fleisch und Bein mehr, Od. XI., 219, weil es im Feuer des Scheiterhaufens zu Grunde gegangen ist, Od. XI., 220. Sie haben darum auch keine rechte Stimme mehr, nur zischen, zoireνν, Od. XXIV., 5, II. XXIII., 101, können sie, Nie Vögel, Od. XI., 605, νρσ Ʒε μμιυνꝙνᷣ⁵‿φ»eννονν m⁴πν, ⁴⁶ν ibid. spricht Homer

¹) Cfr. A. Köchly praefat. Quint. Smyrn. pag. IX. Corp. J. Gr. Nro. 1152. ²) G. A. Böttiger, Ideen zur Kunstmythologie II., 533, und Pervanoglu I. I. S. 26. 3) Hermann, Culturgesch. d. Gr. u. Röu. 75, 80. 4) Schömann, Gr. Alterth. II., 355. 1*