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gemälde stellen die Götter- und Heroensagen, das religiöse und private Leben der Hellenne nach den verschiedensten Seiten dar, in mildester Auffassung des Todes. Die Ausstattung der Gräber ist zur Reconstruction der Innenräume des toscanischen Hauses verwendet worden und gibt ebenso Aufschlüsse über das äussere Aussehen etruskischer Gebäude. W. Helbig, Grenzboten 1870, Nro. 34, S. 151. Fesseln andere Theile der classischen Alterthumswissenschaft, besonders insoweit sie sich auf die Griechen erstreckt, unseren Verstand an sich, so ergreift die Betrachtung der Grabstätten unser Herz, sie vermag nicht nur unser Wissen zu vermehren, sondern auch tieferen Bedürfnissen Nahrung zu gewähren.
Freilich ist es nicht möglich, aus den Gräberinschriften allein, so gross auch ihre Zahl erscheinen mag, eine Eschatologie der Griechen in der Vollständigkeit zu geben, wie sie uns die Werke der Dichter, Philosophen und Geschichtschreiber erkennen lassen (womit nicht gesagt sein soll, dass dieselben über alle Punkte Klarheit verschafften), aber jene Denkmäler bestätigen in den meisten Fällen die von den Schriftstellern vor- getragenen oder eingeflochtenen Lehren und Ansichten über das Jenseits und den Zu- stand der Seele nach dem Tode. Sie vermögen auch nicht, uns ein richtiges Bild von der Entwickelung des Glaubens der Alten an eine jenseitige Welt zu geben, wo es nothwendig ist, die eschatologischen Anschauungen, je nachdem sie sich in verschiede- nen Zeiten verschieden gestaltet haben, genau zu sondern und auseinander zu halten, wie wir dies nach den uns sonst überlieferten Werken der Litteratur können, aber immer- hin ist der Gewinn, welchen sie uns für die Kenntniss jener Anschauungen bieten, gross genug, dass es sich der Mühe lohnt; in einzelnen Fällen gewähren sie sogar ein neues Licht. Eine geschichtliche Entwickelung der Lehren vom Zustande der Seele nach dem Tode kann desswegen aus den Gräberinschriften nicht gegeben werden, weil die Zeitbestimmung der Inschriften selbst mit den allergrössten Hindernissen verbunden ist, ja beinahe unmöglich erscheint, da alle Hülfsmittel, welche die Wissenschaft bei der Zeitbestimmung antiker Urkunden bietet, gerade bei denen der Grabsteine nicht mit der Sicherheit anzuwenden sind, dass sie uns allem Zweifel entheben könnten und man entmuthigt vom erfolglosen Streben ablässt. Zu der nachstehenden Abhandlung ist hauptsächlich das Corpus inscriptionum graecarum von Boeckh benutzt worden. Bei der curta materies der hiesigen Progymnasialbibliothek und den beinahe unübersteiglichen Hindernissen, mit welchen die Benutzung auswärtiger Bibliotheken verbunden ist, war es mir nicht möglich, die Antiquités helléniques von Rangabé heranzuzichen, welche Sammlung nach P. Pervanoglu, Grabsteine der alten Griechen S. 88, als Basis jeder weiteren Forschung dienen kann. Ebensowenig konnte ich die Fascikeln der EqT εος deραοdoνοeνσ die Tituli graeci von Stephani, die Bulletins des archäologischen Insti- tuts, das Spicilegium und die Sylloge von Welcker, die Sylloge von Osann, das Rheinische Museum und den Philologus, in welchen eine Reihe von Inschriften m. W. publicirt und besprochen ist, die Werke von Gerhard, Ross u. a. einsehen. Des Dionysius Periegetes οιmlμυια⁴εαν, worin er die durch Inschriften und Kunst be- bemerkenswerthen Grabmäler behandelte, ist uns leider nicht erhalten. Die Angaben über die Provenienz der Inschriften sind im ersten und zweiten Bande des Corp. inscr. graec. ganz unzuverlässig. Auf welche Art Pittakis, dessen Abschriften Boeckh be- nutzt hat, seinem mit der Berliner Akademie geschlossenen Contrakte nachgekommen, ist bekannt genug und bedarf nicht aufs Neue gekennzeichnet zu werden. Der geist- volle Rangabé hat freilich ohne mala fides, aber wohl ungenau copirt und der famose Abbé Fourmont hat bekanntlich, seiner Eitelkeit zu fröhnen, systematisch gefälscht. Metrische Verstösse sind nicht massgebend bei der Emendation und Zeitbestimmung der Inschriften, wenn man bedenkt, wer in Griechenland Inschriften gemacht hat und wie Steinmetzen oft Buchstaben und ganze Wörter ausgelassen oder falsche eingehauen


