Aufsatz 
Die eschatologischen Anschauungen der Griechen und die sepulcralen Inschriften des Corpus inscriptionum graecarum : ein Versuch / von Anselm Braun
Entstehung
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Die

eschatolologischen Anschauungen der Griechen

und

die Sepuleralen Isebriften des Corpus ilscriptionum graecarum.

Bin Nezsueh von

Anselm Braun.

IIANTEXN OI NEKVYEN GYXQN AE OEOXN BAXNLIEVYEI. Phocylides.

Wenn es begründet ist, aus der Fürsorge einer Stadt oder eines Volkes für die Todten auf den Grad der Bildung desselben schliessen zu können, so ist es wohl ge- rechtfertigt, auch einmal die Gräber, speciell die Gräberinschriften der Griechen, inso- fern zu behandeln. Es ist dies um so gerechtfertigter, als man seither bei der Frage nach den eschatologischen Vorstellungen der Griechen, und das mit Recht, zumeist die Schriften der Dichter und Philosophen zu Rathe gezogen und Gräberinschriften nur in verhältnissmässig wenigen Fällen benutzt hat. Und doch sind die letzteren von nicht zu unterschätzender Bedeutung, besonders wenn man in Verbindung mit denselben ihre Träger, die Wände der Grabkammern, die Denksteine und deren Ornamente berück- sichtigt. Ueber Grab und was damit zusammenhängt haben die schwindenden Jahr- hunderte und alle Neuerungen in ihrem Gefolge nur geringe Macht. Die Grabsäulen sind sanctae, sancitae, unverrückbar, heilig, festgesetzt, wie capitolii immobile saxum. Serv. Aen. IX., 448. Jeder am Grabe Vorüberwandelnde erhielt eine ernste Mahnung, dass das Leben von uns allen eine Reise sei, dass der Tod plötzlich unseren irdischen Plänen ein Ziel setze und ein Verstorbener auf Erden nichts mehr besitze. Omnis civitas, omne castellum ante ingressum sepulcra habet, ut quis contendens in civitatem imperantem divitiis, potentia aliisque dignitatibus florentem, prius quam id quod in mente concipit cernat, videat, quis ipse futurus sit. Ante civitates, ante agros sunt se- pulcra. Ubique ante oculos est nostrae humilitatis schola, et docemur, in quid desti- namus tandem et tunc videmus, quae intus sunt spectacula. Chrysostomus de fide et leg. nat. oder wer immer der Verfasser dieser Stelle ist. Die Stetigkeit und Umwandel- barkeit, welche die alte Gräberwelt charakterisirt, ermöglicht uns, einen tiefen Blick in eine der schönsten Seiten des classischen Alterthums zu thun, ihr verdanken wir nicht den geringsten Theil unserer Kenntniss antiker Gebräuche und Sitten. Die Vasenge-

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