gewiſſermaßen der Stempel des göttlichen Ebenbildes aufgedrückt, und vielleicht hat der große Böſewicht keinen ſo weiten Weg zum großen Rechtſchaffenen als der kleine; denn die Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die Fähigkeit, deſto weiter und ungeheurer ihre Verirrung, deſto imputabler ihre Verfälſchung.“ In dieſem weiten Rahmen, dünkt mich, könnte man viel eher die dramatiſchen Charaktere Schillers umſpaunen, als in dem engen Rahmen von Hinrichs und Hettner, und zwar von den erſten Worten Karl Moors an:„Mir ekelt vor dieſem tintenkleckſenden Säculum, wenn ich in meinem Plutarch leſe von großen Menſchen“ bis zu den letzten Worten der Marfa, bei denen dem ſterbenden Dichter die Feder entſunken iſt, der Marfa, dieſer niedergetretenen ſtolzen Czarin, deren Lebensglück von dem Uſurpator vernichtet iſt, und die nun, wie eine zweite Kriemhild, alle Völker des großen Hunnenreiches unter den Fahnen ihres Sohnes herbeibeſchwört zum Vernichtungskampf gegen den Thronräuber: Er iſt's, er zieht mit Heereskraft heran,
Mich zu befreien, meine Schmach zu rächen!
Hört ſeine Trommeln! ſeine Kriegstrompeten!
Ihr Völker, kommt vom Morgen und Mittag
Aus euren Steppen, euren ew'gen Wäldern!
In allen Zungen, allen Trachten kommt!
Zäumet das Roß, das Rennthier, das Kameel!
Wie Meereswogen ſtrömet zahllos her
Und dränget euch zu Eures Königs Fahnen!
O warum bin ich hier geengt, gebunden,
Beſchränkt mit dem unendlichen Gefühl!
Du, ew'ge Sonne, die den Erdenball
Umkreiſt, ſei du die Botin meiner Wünſche!
Du, allverbreitet ungehemmte Luft,
Die ſchnell die weitſte Wanderung vollendet,
O trag' ihm meine glühnde Sehnſucht zu!
Ich habe nichts als mein Gebet und Flehn;
Das ſchöpf' ich flammend aus der tiefſten Seele,
Beflügelt ſend' ich's in des Himmels Höh'n,
Als eine Heerſchaar ſend' ich dir's entgegen.
Mit dem herrlichen Torſo des„Demetrius“ ſchließt ſich eine neue Welt vor unſern Augen auf, die ſich Schiller, wie ſchon vorher beim Tell, durch die ſorgfältigſten Studien heimiſch und vertraut zu machen gewußt hatte. Von den Eisbergen der Schweiz zum nördlichen Eismeer führt er uns auf dem Zaubermantel ſeiner dichteriſchen Schöpfungskraft, und in die unbezwungene Oede der nordiſchen Eis⸗ gefilde, an denen nach wenigen Jahren der größte Eroberer zerſchellen ſollte, pflanzt er, wie in die Thäler der Schweiz, ein kühnes, von Schmerz und Trübſal ungebeugtes Herz. Der Trotz, das Selbſt⸗ gefühl, das Karl Moor in den böhmiſchen Wäldern die Kindesliebe verleugnen läßt, läßt am nordiſchen Eismeer Marfa den Demetrius als Kind ihrer Rache adoptiren; hier aber wie dort ſchlägt daſſelbe Heldenherz. Aber der Dichter der Freiheit, deſſen erſter Held mit zwanzig Männern wie er aus Deutſchland eine Republik machen wollte, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöſter ſein ſollten, hatte an einem edlen deutſchen Fürſtenhofe eine behagliche Stätte gefunden, wo ſein Genius in ungeſtörter Muße ſchaffen konnte, und zum Dank ließ er dem jungen Fürſtenpaare Weimars das ſchönſte Gaſtge⸗ ſchenk zurück, welches der aus der gebrechlichen Hülle enteilende Genius ſchaffen konnte, und zugleich ſchilderte er dem deutſchen Volke, wie der Geiſt es ihm gezeigt hatte, das einzige Land, den einzigen Fürſtenthron Europa's, die allein nicht den Nacken bogen unter dem Joche des fränkiſchen Eroberers, die aus den Hütten der Koſacken dem ſeufzenden Europa die Befreiung brachten von dem ſchnöden Joche der fränkiſchen Republikaner. In der Bluthochzeit zu Moskau ſchwang ſich das Haus Romanow auf den ruſſiſchen Thron; mit dem Brande Moskau's 1812 bewährte es ſich als den Retter Europa's. Es war Schiller's Schwanengeſang, und von den Vielen, die wenige Jahre nach ſeinem Tode der
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