Aufsatz 
Prolegomena zu Schillers Dramen
Entstehung
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ſagt in derErinnerung an das Publikum über dieſes Stück: er wiſſe von Fiesco vorläufig nichts Empfehlenderes, als daß ihn J. J. Rouſſeau im Herzen trug. Rouſſeaus Denkwürdigkeiten, aus einem Aufſatze von Julie Bondeli gezogen, wurden in H. P. Sturz'Vermiſchten Schriften Bd. I., S. 129 ff. bekannt gemacht. Es heißt darin S. 145:Wenn Rouſſeau von der Geſchichte ſprach, ſo hat er oft wiederholt, daß nur die Geſchichte der Freiſtaaten erzählt zu werden verdiene;denn in einer Monarchie hänge immer eine Reihe großer Begebenheiten an einer Leidenſchaft oder zufälligen Richtung des unbeſtimmten Charakters des Fürſten. Die Geſchichte von Frankreich liefert uns nur Karl den fünften, Franz den erſten und Heinrich den vierten von eigenthümlichem Geiſt. Ludwig XIV. verdient die Vergötterung ſeiner Schmeichler nicht; aber er war ein Kenner großer Leute. Plutarch hat darum ſo herrliche Biographien geſchrieben, weil er keine halbgroße Menſchen wählte, wie es in ruhigen Staaten Tauſende giebt, ſondern große Tugendhafte und erhabene Verbrecher. In der neuen Geſchichte gab es einen Mann, der ſeinen Pinſel verdient, und das iſt der Graf von Fiesque, der eigentlich dazu erzogen wurde, um ſein Vaterland von der Herrſchaft der Doria zu befreien. Man zeigte ihm immer den Prinzen auf dem Throne von Genua; in ſeiner Seele war kein andrer Gedanke, als der, den Uſurpator zu ſtürzen. Tyrannen, die im Blutvergießen, im Menſchenquälen Wolluſt finden, ſind Traumgeſchöpfe der Dichter. Selbſt Könige ziehen die Natur nicht aus, ſo ſehr ſie auch ihre Macht berauſcht, und ihre Schmeichler verderben. Als Octavius unumſchränkt regierte und keine Nebenbuhler mehr ſcheute, ward er gelind und gütig. Die Grauſamkeit ſeiner Nachfolger war zum Theil eine Folge der Gährung der republikaniſchen Parthei. So wie ihre Furcht davor nachließ, ließ auch ihre Härte nach. Auf dieſen erhabenen Standpunkt geſchichtlicher Betrachtung ſtellt ſich Schiller mit Rouſſeau. Man ſieht leicht, daß es Schiller durchaus keinen Kampf, und zwar weder einen ſittlichen noch einen künſtleriſchen, gekoſtet haben würde, auch Catilina zum Helden eines Trauer⸗ ſpiels zu machen, wenn ihm nicht ſeinFiesco dieſes Sujet ſchon vorweg genommen hätte. Ja der heldenmüthige Tod Catilinas, die Erbärmlichkeit und Feigheit ſeiner Gegner, ſollte man meinen, hätte dieſen noch geſchickter dazu machen müſſen. Welch ſchöner echt künſtleriſcher Contraſt, Catilina und Cicero! Daß er aber dieſes moderne Sujet ganz im Sinne jenes antiken Charakters auffaßte, dafür zeugt das Motto aus dem Saluſt: Nam id facinus inprimis ego memorabile existimo, sceleris atque periculi novitate, dafür zeugt ferner gleich die erſte Erwähnung dieſes tragiſchen Stoffes in der Abhandlung über den Zuſammenhang der thieriſchen Natur des Menſchen mit ſeiner geiſtigen:Catilina war ein Wollüſtling, ehe er ein Mordbrenner wurde; und Doria hatte ſich gewaltig geirrt, wenn er den wollüſtigen Fiesco nicht fürchten zu dürfen glaubte. Ueberhaupt beobachtet man, daß die Bösartigkeit der Seele gar oft in kranken Körpern wohnt. Und damit vergleiche man nun ſeine Darſtellung des Charakters von Karl Moor in ſeiner Vorrede zu denRäubern:Nächſt an dieſem(Franz) ſtehet ein Anderer, der vielleicht nicht wenige meiner Leſer in Verlegenheit ſetzen möchte. Ein Geiſt, den das äußerſte Laſter nur reizet um der Größe willen, die ihm anhängt, um der Kraft willen, die es erheiſchet, um der Gefahren willen, die es begleiten. Ein merkwürdiger, wichtiger Menſch, ausgeſtattet mit aller Kraft, nach der Richtung, die dieſe beköumt, nothwendig entweder ein Brutus oder ein Catilina zu werden. Unglückliche Conjuncturen entſcheiden für das Zweite, und erſt am Ende einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem Erſten. Falſche Begriffe von Thätigkeit und Einfluß, Fülle von Kraft, die alle Geſetze überſprudelt, mußten ſich natürlicher Weiſe an bürgerlichen Verhältniſſen zerſchlagen, und zu dieſen enthuſiaſtiſchen Träumen von Größe und Wirkſamkeit durfte ſich nur eine Bitterkeit gegen die unidealiſche Welt geſellen, ſo war der ſeltſame Don Quixote fertig, den wir im Räuber Moor verabſcheuen und lieben, bewundern und bedauern. Aber noch mehr. Dieſe unmoraliſchen Charaktere, von denen vorhin geſprochen wurde(die Räuber), mußten von gewiſſen Seiten glänzen, ja, oft von Seiten des Geiſtes gewinnen, was ſie von Seiten des Herzens verlieren. Hierin habe ich nur die Natur gleichſam wörtlich abgeſchrieben. Jedem, auch dem Laſterhafteſten iſt