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Und ein franzöſiſcher Kriegsheld ruft aus ſeinem Grabe die Deutſchen zum Befreiungskrieg gegen
ſeine eigene entartete Nation mit den Worten: Nichtswürdig iſt die Nation, die nicht Ihr Alles freudig ſetzt an ihre Ehre.
Nur ſo iſt es zu erklären, daß nach des Dichters Hingang, als die zertretene deutſche Nation zum heldenmüthigen Kampfe gegen den Unterdrücker ſich erhob, der Enthuſiasmus ſich vorzugsweiſe an Schillers Dichtungen entzündete; ſie waren ein Sporn des unterdrückten Selbſtgefühls. Und ſo begreifen wir auch die große Begeiſterung Schillers ſelbſt für die Kantiſche Philoſophie. In ſeiner ſchönen Abhandlung„Ueber Anmuth und Würde“ ſagt er von Kant:„Er ward der Draco ſeiner Zeit, weil ſie ihm eines Solons noch nicht werth und empfänglich ſchien. Aus dem Sanctuarium der reinen Vernunft brachte er das fremde und doch wieder ſo bekannte Moralgeſetz, ſtellte es in ſeiner ganzen Heiligkeit aus vor dem entwürdigten Jahrhundert und fragte wenig darnach, ob es Augen gibt, die ſeinen Glanz nicht ertragen können.“ Ebenſo begreiflich finden wir es nun aber auch, wenn Schiller ſelbſt die Rigoroſität des Kantiſchen Sittengeſetzes nicht dulden wollte, weil ſie ihm die Würde freier Menſchen nicht genug ſchonte, weil ſie als ihr Correlat die ſittliche Knechtſchaft zu fordern ſchien. Aber
Der Menſch iſt frei geſchaffen, iſt frei,
Und wär' er in Ketten geboren; darum fährt er fort:„Womit aber hatten es die Kinder des Hauſes verſchuldet, daß er nur für die Knechte ſorgte? Weil oft ſehr unreine Neigungen den Namen der Tugend uſurpiren, mußte darum auch der uneigennützigſte Affect in der edelſten Bruſt verdächtig gemacht werden? Weil der moraliſche Weichling dem Geſetz der Vernunft gern eine Laxität geben möchte, die es zum Spielwerk ſeiner Convenienz macht, mußte ihm darum eine Rigidität beigelegt werden, die die kraftvollſte Aeußerung moraliſcher Freiheit nur in eine rühmlichere Art von Knechtſchaft verwandelt? Denn hat wohl der wahrhaft ſittliche Menſch eine freiere Wahl zwiſchen Selbſtachtung und Selbſtverwerfung, als der Sinnenſclave zwiſchen Vergnügen und Schmerz? Iſt dort etwa weniger Zwang für den reinen Willen als hier für den verdorbenen? Mußte ſchon durch die imperative Form des Moralgeſetzes die Menſchheit angeklagt und erniedrigt werden, und das erhabenſte Document ihrer Größe zugleich die Urkunde ihrer Gebrechlichkeit ſein? War es wohl bei dieſer imperativen Form zu vermeiden, daß eine Form, die ſich der Menſch als Vernunftweſen ſelbſt gibt, die deswegen allein für ihn bindend, und dadurch allein mit ſeinem Freiheitsgefühle verträglich iſt, nicht den Schein eines fremden und poſitiveu Geſetzes annahm— einen Schein, der durch ſeinen radicalen Hang demſelben entgegen zu handeln (wie man ihm Schuld gibt) ſchwerlich vermindert werden dürfte!“ Was alſo Schillers Helden im Kampfe gegenüber ſteht, iſt nicht die ſittliche Weltordnung als ſolche, noch viel weniger das antike
Schickſal, ſondern: Das ganz Gemeine iſt's, das ewig Geſtrige, Was immer war und immer wiederkehrt, Und morgen gilt, weil's heute hat gegolten!
Iſt das Beſtehende noch nicht zum Sturze reif, wohnt ihm noch eine gewiſſe Kraft inne, ſo zerſchlägt ſich die Kraft des kühnen Stürmers an ſeiner ehernen Mauer, ſo ſiegt der heimtückiſche Octavio, der im Dienſte der beſtehenden Ordnung ſteht, über den genialen Wallenſtein, ein harmlos Volk von Hirten über Albrechts Heere; echt tragiſch aber iſt der Kampf dann, wenn es ungewiß bleibt, auf weſſen Seite die moraliſche Schuld liegt, wenn es zum Beiſpiel im Wallenſtein ungewiß bleibt, ob Friedland oder Ferdinand ein Verräther der deutſchen Sache iſt, oder im Fiesco, ob Genua unter der Regierung des Gianettino Doria oder des Fiesco glücklicher ſein werde. Außerordentliche Zeit⸗ umſtände erzeugen außerordentliche Menſchen, zu deren Beurtheilung der gemeine moraliſche Maßſtab nicht hinreicht, und ſolche Zeiten ſind die Geburtsſtunden tragiſcher Helden. Wir haben Schillers eigenes Bekenntniß über den Geſichtspunkt, von dem aus ihm Fiesco als ein tragiſcher Held erſchien. Er
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