Aufsatz 
Prolegomena zu Schillers Dramen
Entstehung
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Einen ſolchen Staat, wo jeder Stand ſich ſeines Werthes bewußt iſt und im Vollgefühl ſeiner Würde und ſeiner Unentbehrlichkeit zum Wohle des Ganzen arbeitet, herzuſtellen, iſt das Ideal des Marquis Poſa:

Der Landmann rühme ſich des Pflugs und gönne Zum Bildner einer ſchönern Welt. Den Flug Dem König, der nicht Landmann iſt, die Krone. Des Denkers hemme ferner keine Schranke In ſeiner Werkſtatt träume ſich der Künſtler Als die Bedingung endlicher Naturen.

Ich ſprach abſichtlich von tüchtigen, nicht von tugendhaften Charakteren, denn auch der große Verbrecher iſt ein tüchtiger Charakter; die kühnen Thaten des Laſters ſind ungleich geſchickter zur dramatiſchen Behandlung, wie ſchon Leſſing erkannt hatte, als die Leiden des Tugendhaften. Und wie wäre es denn auch anders möglich? Wie hätte Schiller ſonſt der große Dramatiker par excellence werden können, wenn er von einem ſo einſeitigen Plane, wie Hinrichs und Hettner ihm unterlegen, hätte ausgehen wollen? Wie bald hätte ſich da der Vorrath ſeiner Stoffe erſchöpfen, ſeine dramatiſche Productivität erlahmen müſſen! Niemals hätte er unter ſolchen Vorausſetzungen hoffen dürfen, wie er es doch ſo zuverſichtlich ausſprach, bei längerem Leben zu den fruchtbarſten Dramatikern gezählt zu werden. Wollen doch Hinrichs und Hettner ſchon jetzt Wiederholungen in ſeinen Dramen finden! Nein, ſeine Trauerſpiele ſind, wie die Shakeſpeare'ſchen, eine ganze Welt von Characteren und Handlungen; ſie ſind der Tummelplatz des Kampfesgewaltiger Naturen; das unermeßliche Gebiet der Weltgeſchichte und die unergründlichen Tiefen des Menſchenherzens ſind ihre Rüſtkammer. Das trotzige, ſelbſtbewußte Auflehnen gegen den beengenden Druck der gegebenen Verhältniſſe iſt der Grundzug aller ſeiner Charaktere; er hat ein inniges künſtleriſches Wohlgefallen an jeder Kraftentfaltung, und Wallenſtein in dem Augenblicke, wo er den Verrath am Kaiſer in Handlung ſetzt, ſteht ihm künſtleriſch höher als der ſittlich reine Max Piccolomini, der ihm den ſittlichen Spiegel vorhält. Erſt der freie Tod des Max ſtellt ihn wieder auf die tragiſche Höhe. Das philoſophiſche Geſpräch im Geiſterſeher, in welchem der Prinz zu beweiſen ſucht, daß das Maß der Kraftentfaltung, ohne Rückſicht auf den Zweck, der Maßſtab ſein müſſe für die Beurtheilung eines Menſchen, iſt Schillers Glaubensbekenntniß in Anſehung dramatiſcher Charaktere; und ſein Prinz geht nur an der Täuſchung zu Grunde, daß er ihn auch zugleich für den ſittlichen Maßſtab nehmen will. Wenn es gilt zu herrſchen und zu ſchirmen,

Kämpfer gegen Kämpfer ſtürmen

Auf des Glückes, auf des Ruhmes Bahn,

Da mag Kühnheit ſich an Kraft zerſchlagen,

Und mit krachendem Getös die Wagen

Sich vermengen auf beſtäubtem Plan.

Muth allein kann hier den Dank erringen,

Der am Ziel des Hippodromes winkt,

Nur der Starke wird das Schickſal zwingen,

Wenn der Schwächling unterſinkt.

So kraftvoll und markig ſind alle Geſtalten ſeiner Dramen, von Karl Moor bis Demetrius.

Vor ihm gilt kein nationales Intereſſe, welches allein bisweilen den Vorzug griechiſcher Stücke ausmacht; er iſt als Dramatiker, wie ſein Poſa, Bürger des Univerſums; alle Völker Europas müſſen ihm ihr Contingent tragiſcher Helden liefern. Wie Friedrich der Große dem deutſchen Volke neues Selbſtbe⸗ wußtſein einhauchte, obgleich er ſelbſt dem deutſchen Geiſte durch franzöſiſche Bildung äußerlich entfremdet war, ſo hat Schiller dem deutſchen Volke Selbſtgefühl und Selbſtvertrauen eingeflößt nicht immer durch deutſche Perſonen; aus dem Munde einer heldenmüthigen Franzöſin mußte der beſchämte unter das Joch ihres Volkes gebeugte Deutſche ſich zurufen laſſen:

Was iſt unſchuldig, heilig, menſchlich gut, Wenn es der Kampf nicht iſt fürs Vaterland?