Aufsatz 
Prolegomena zu Schillers Dramen
Entstehung
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mache, iſt Sache ſeiner freien Selbſtbeſtimmung. Dennoch drängt ſich auch hier die Frage auf, ob dieſe gewagte Vermiſchung zweier von Grund aus einander entgegengeſetzter Stilarten in der That im Demetrius bruchlos aufgeht. Und auch hier iſt die Antwort eine entſchiedene Verneinung. Es gefährdet und vernichtet die tragiſche Hoheit, daß Demetrius' Schuld nichts als der niedrigſte Betrug iſt. Doch genug von dieſen Hettner'ſchen Expectorationen! Wer mit einem ſolchen Vorurtheile an die Lectüre Schillers herangeht, wird ihn niemals verſtehen lernen.

Zwiſchen dem Hegel'ſchen Philoſophen und dem Literarhiſtoriker mitten inne ſteht der große Geſchichtsſchreiber der neueren Philoſophie, Kuno Fiſcher. Sein philoſophiſcher Sinn bewahrt ihn vor der Zerſplitterung ſeiner Forſchungen, ſowie ſein feiner äſthetiſcher Takt und das liebevolle Eingehen in die Eigenthümlichkeit jedes Dichters und jeder ſeiner Dichtungen ihn vor einſeitigen aprioriſchen Conſtructionen nach Hinrichs' und Hettners Art ſchützt. Dieſe glückliche Miſchung von Philoſophie und äſthetiſchem Feingefühl, die die Freude ſeiner Zuhörer wie ſeiner Leſer macht, die ſeine Vorträge und ſeine Abhandlungen ſelbſt zu Kunſtwerken wie die platoniſchen Dialoge ſtempelt, befähigt ihn wie keinen Andern uns an der Hand der Philoſophie eintreten zu laſſen in das Heiligthum der Dichtung. Mir iſt kein andrer äſthetiſcher Kritiker bekannt, bei dem ſich Derjenige Raths erholen könnte, der über der philoſophiſchen Reflexion nicht den unmittelbaren Genuß an den Meiſterwerken der Poeſie ſich verkümmern laſſen will. Fiſchers Forſchungen erweitern unſern Geſichtskreis, die der Uebrigen verengen ihn. An ſeiner Hand wollen wir es verſuchen, das im Eingang erwähnte Schlagwort, dem ja eine gewiſſe Wahrheit durchaus nicht abgeſprochen werden ſoll und kann, richtig zu deuten, damit den Punkt zu finden, von dem aus ſich eine ganze Reihe von Dichtungen, fertigen Dramen ſowohl als Entwürfen, gruppiren läßt, und endlich einen erleuchtenden Blick zu thun in die reiche und bunte Welt dramatiſcher Pläne, die in dem fruchtbaren Kopfe Schillers ſich drängten.

In ſeinem herrlichen Vortrage überSchiller als Komiker weiſt Kuno Fiſcher nach, daß Schiller ſtatt mit dem NamenDichter der Freiheit viel richtiger mit dem AusdruckDichter des Selbſtgefühls gekennzeichnet wird. Und dies iſt das Ei des Kolumbus für die Erkenntniß der Eigenthümlichkeit dieſes großen Dichtergeiſtes; hiermit erſt iſt das Geheimniß ausgeſprochen, was es denn eigentlich ſei, was unſeren Dichter zum Liebling nicht blos, ſondern auch zum Erzieher ſeiner Nation gemacht hat, was alle Volksklaſſen und Altersſtufen, den tüchtigen, ſtrebſamen Handwerker wie den größten Staatsmann unſers Jahrhunders, den halbwüchſigen Knaben, wie den gereiften Mann an ſeine Dichtungen, an ſeine Charaktere feſſelt; und weil das Selbſtgefühl in der Jugend am ſtärkſten iſt, ehe es ſich an demWiderſtand der trägen Welt abgeſtumpft hat, darum iſt es ganz in der Ordnung, daß er vorzugsweiſe ein Liebling der Jugend iſt. In dem Selbſtgefühl entſpringt die Quelle ſeines tragiſchen Pathos wie ſeiner Komik, denn die gemeinen Charaktere, wie Spiegelberg, der Mohr, der Wachtmeiſter werden komiſch, ſobald ihr Selbſtgefühl in Schwung kommt. Aber die tüchtigen Charaktere reden, ſobald ſie das Bewußtſein ihres Werthes ausſprechen, eine pathetiſche Sprache, die alle verwandten Herzen mächtig ergreift, und dies iſt die Gewalt des Schiller'ſchen Pathos, deſſen Zauber noch kein andrer Dichter erreicht, deſſen unglückliche Nachahmung dagegen über unſer Zeitalter das Leiden der endloſen Reihe von Jamben⸗Tragödien heraufbeſchworen hat. Der Handwerker begeiſtert ſich an Schillers Worten:

Ehrt den König ſeine Würde, Ehret uns der Hände Fleiß.

Der Soldat jubelt ihm nach:

Der dem Tod ins Angeſicht ſchauen kann, Der Soldat allein iſt der freie Mann.

Der Bauer rühmt ſich mit Arnold Melchthal:

Der Arm, Herr Freiherr, der die harte Erde Sich unterwirft und ihren Schooß befruchtet, Kann auch des Mannes Bruſt beſchützen.