Aufsatz 
Prolegomena zu Schillers Dramen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

praktiſchen Leben iſt im Wilhelm Tell der ſüße Lohn. Wahrlich, der Dichter der Freiheit hat ſeine hohe Aufgabe, den Cyelus der Freiheit des Geiſtes poetiſch geſtaltet zu haben, herrlich gelöſt; er ſtarb bald darauf. Sehr wohl! Da möchte man mit Lord Burleigh ausrufen:

Graf, dieſer Mortimer ſtarb euch ſehr gelegen!

Hinrichs erſchießt den Dichter mit der Piſtole der dialectiſchen Methode, um ihm die ſchon fertig im Pulte liegende Leichenrede halten zu können. Ein einziger Blick auf den unvollendet hinterlaſſenen Demetrius hätte das ganze dialectiſche Kartenhaus über den Haufen geworfen. Aber ſchon beim Fiesco macht dieſe Theorie Fiasco, davon ſogleich! Nun werden derDemetrius,Warbek und andere Entwürfe freilich von Hinrichs erwähnt, aber, ſeiner Theorie zu Liebe, nur mit Achſelzucken. Er ſagt, an A. W. Schlegels Bemerkung anknüpfend: gewiß habe Schiller noch Vieles leiſten können, aber ſchwerlich etwas, das über den Inhalt und Vorwurf des Wilhelm Tell ſich würde erhoben haben. Denn dies Stück iſt nicht blos der Zeit nach, äußerlich, ſondern vielmehr innerlich, im Verhältniß zu den vorhergehenden Stücken nach ihrer Entwickelung und Bewegung als die Schlußtragödie der ganzen Schiller'ſchen Poeſie anzuſehen. Es enthält die erfüllte Einheit des Geiſtes mit der Welt, zu der ſich die übrigen Stücke allmälich erheben. Wir wollen nicht in Abrede ſtellen, daß Schiller noch ähnliche Stücke hätte produciren können. Allein der Stoff des Demetrius und Warbek weiſt wegen ſeiner Aehnlichkeit mit antikem Stoffe ſchon wieder mehr auf die Braut von Meſſina zurück. Wohl ſchwerlich würde ein Anderer eine ſolche Beziehung ausfindig gemacht haben, während die Vergleichung dieſer beiden Stoffe mit dem Fiesco viel näher lag.

In wunderbarer Weiſe hat auch Hettner in ſeinem Buche:Göthe und Schiller, Braunſchweig 1870 Bd. II., dieſen Koloß in das Prokruſtesbette einer einſeitigen Schickſalstheorie zu zwängen geſucht. Alſo dort Dichter der Freiheit und hier Dichter des antiken Schickſals! Es hilft dem Dichter nichts, daß er ſich in dem bekannten Briefe an den Profeſſor Süvern, der ſeinenWallenſtein auf dieſer antiken Schickſalsidee hatte conſtruiren wollen, ausdrücklich gegen eine ſolche Zumuthung verwahrt; Hettner blickt tiefer als Schiller ſelbſt, und während er Göthe mit warmer Liebe und innigem äſthetiſchen Verſtändniß behandelt, muß Schiller ſich für Fehler abkanzeln laſſen, die nur Hettner ihn begehen läßt. So kommt er bei der Beurtheilung der Marie Stuart zu dem merkwürdigen Reſultate:Schiller wollte das leidvolle Hereinbrechen eines unabwendbaren Verhängniſſes ſchildern, und er ſchilderte einen Juſtizmord. Während alſo Hinrichs Schillers Dramatik vom Wilhelm Tell aus conſtruirte, dabei aber den Dichter Gnade vor ſeinen Augen finden ließ und zugeſtand, er habe ſeine Aufgabe,(die Hinrichs nur zu eng abgrenzt) glänzend gelöſt, ſo verſucht Hettner eine ähnliche Conſtruction von derBraut von Meſſina aus, findet aber, Schiller habe ſeine Aufgabe, die antike Schickſalsidee auf den Boden des modernen Dramas zu verpflanzen, glänzend verfehlt. Hettner iſt der erſte Literarhiſtoriker, der ſich über die neu veröffentlichten dramatiſchen Entwürfe unſers Dichters ausführlicher ausſpricht; natürlich aber kann aus dem Kuckuksei der antiken Schickſalsidee, welches er unſerm Dichter unterlegt, auch nur ein Kuckuk auskriechen. Daß er übrigens nicht ſorgſam genug geleſen, zeigt ſchon der Umſtand, daß er nicht eingeſehen hat, daß derGraf von Königsmark(S. 329) derſelbe Entwurf iſt wie die Herzogin von Zelle(S. 301). So muß denn Marfa imDemetrius ſich gefallen laſſen, identiſch zu ſein mit derSchickſalsgöttin des Dramas, weil von der Naturſtimme ihres Herzens allein es abhängt, ob ſie ihn als ihren Sohn und alſo als den rechtmäßigen Thronerben anerkennt. So ſieht man denn deutlich,was Schiller erſtrebte. Einerſeits nach wie vor das entſchiedene Feſthalten an der antikiſirenden Art der Motivirung durch das Schickſal.(VomDemetrius iſt die Rede, nicht etwa von derBraut von Meſſina.) Was Schillers Denken ſeit dem Wallenſtein unabläſſig beſchäftigt hatte, die innere Einheit und Verſöhnung der antiken Schickſalstragödie und der modernen Charaktertragödie, hatte in dieſem Stoff einen höchſt glücklichen Anhalt. Die tragiſche Situation iſt eine dem Helden durch die Verkettung der Umſtände aufgezwungene; was der Held aus dieſer Situation