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das bedingende Mittel geiſtiger Bildung. Der Staat ſoll ſie erzwingen auch gegen den Willen eines Teiles der Bevölkerung. Die heilige Klio kann ein ironiſches Lächeln nicht unterdrücken bei der Wahrnehmung, daß der kerndeutſche Mann, der zu Nutzen und Frommen des Deutſchtums das Wort ergriffen hat, in dieſem Punkte ſo undeutſch denkt, und unbewußt zeigt er, wie ſehr er unter dem Einfluſſe Rouſſeau's ſteht. Schon in einer früheren Abhandlung, worin ihm der Staat als nichts anderes, denn ein z. Z. notwendiges Übel erſcheint, ſagt er, daß zwar die Familienerziehung unter Umſtänden gut ſein könne— er ſelbſt ſchickte nämlich ſeinen ſiebenjährigen Sohn nicht in die Schule— aber man dürfe dies wichtigſte aller Inſtitute nicht dem Zufall überlaſſen. Das Schillerſche„Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume ſtoßen ſich die Sachen“, bewährt ſich auch hier. Dies Zurückgreifen auf Lykurg, dieſes Ignorieren der Individualität, dieſer freiheitmörderiſche Zwang, wie ihn Fichte ſelber in ſeiner Schulpfortaer Zeit empfand und bekämpfte, blieb im Reich der Ideen, und der Redner an die deutſche Nation würde in der ſtrengen Durchführung deſſen, was er dachte, nur das Zerrbild deſſen, was er wirklich wollte, erkannt haben.
Der Kern und Stern ſeiner Wünſche iſt aber, daß der Staat der ſchrankenloſen Willkür und individuellen Freiheit auf dem Gebiete der Erziehung ſteure und dieſe unter ſeine Aufſicht ſtelle, und daß die höchſte Aufgabe der neuen Erziehung nicht ſo ſehr die Bildung des Geiſtes als die des Charakters ſei.„Die geiſtige Bildung iſt zwar das erſte, mit welchem ſie ihr Geſchäft anhebt, doch iſt dieſe geiſtige Entwickelung nicht erſter und ſelbſtändiger Zweck, ſondern nur das bebingende Mittel, um ſittliche Bildung an den Zögling zu bringen.“ Je größer aber die Klarheit des Verſtandes, deſto größer iſt auch die Reinheit des Willens. Die Tugend iſt ihm alſo wie dem Sokrates lehrbar und lernbar. Die Vorausſetzung, wovon er ausgeht, iſt, daß an der Wurzel des Menſchen ein reines Wohlgefallen am Guten ſei. Aber eine falſche Erziehung hat trotzdem die Menſchheit gründlich verdorben, und der durchweg verdorbenen Nation, deren Vertreter er komiſcher Weiſe mit„Ehrwürdige Verſammlung“ anredet, lieſt Fichte gründlich den Text; er raubt den in Unthätigkeit Verſunkenen und allein auf den geiſtigen Beſitz des deutſchen Volkes Stolzen den letzten Troſt, indem er beſtreitet, daß ein Volk ohne Staat ſeine Sprache behalten könne. ¹) Aber er will nicht nur der Zeit ihren Spiegel vorhalten, er will vielmehr durch ſeine Reden„Mut und Hoffnung bringen in die Zerſchlagenen, Freude verkündigen in die tiefe Trauer, über die Stunden der größten Betrübnis leicht und ſanft hinüber leiten in ein neues verklärtes Leben“. An großen Beiſpielen ſoll ſich die Nation aufrichten, an den Kohortenſtürmern des Arminius, welche ſiegten, weil ſie das Ewige begeiſterte, an dem Andenken an die Herrlichkeit des hanſeatiſchen Bürgertumes, an der Überzeugungstreue der gegen Karl V verbündeten proteſtantiſchen Fürſten, welche ihm bewaffneten Widerſtand leiſteten; nicht um ihrer Seligkeit willen verſpritzten ſie mit Freuden ihr Blut, dieſer waren ſie ſchon verſichert, ſondern damit auch ihre noch ungeborenen Enkel teilhaftig werden könnten des Heils, welches für ſie bereits angebrochen war. Und wenn jene ihre politiſche, dieſe ihre religiöſe Freiheit ſiegreich verteidigten und dadurch ihre Nachkommen die Früchte ihrer Mühen bis zur Gegenwart genießen, ſo geben ſie damit ihren Nachfahren zugleich die Mahnung, es ihnen gleichzuthun. Daher hat das deutſche Volk, welches nach Fichte durch ſeine Sprache und ſeinen Charakter das Urvolk unter den Menſchen iſt, die Aufgabe, die deutſche geiſtige und ſittliche Bildung, die zugleich die Bildung der Menſchheit iſt, aufrecht zu erhalten. Auch hierin macht ſich der Redner eines inneren Piderſpruches ſchuldig; denn während er gegen die napoleoniſche Univerſalmonarchie und ihren Völkerbrei eifert, ſtellt er eine Weltherrſchaft des deutſchen Geiſtes als etwas Wünſchenswertes hin, als wenn die Vorzüge der Deutſchheit ganz allein die Bedingungen der Erdenkultur wären. Zur Ergänzung des Verſtändniſſes höre man Fichte in einem für den Druck beſtimmten aus dem Sommer 1806 herrührenden Geſpräche:„Kosmopolitismus
¹) In Fichtes Sinne fingt Th. Körner:„Rühmet nicht des Wiſſens Bronnen, Nicht der Künſte friedensreichen Strand, Für die Knechte giebt es kein Sonnen, Und die Kunſt verlangt ein Vaterland.“
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