Aufsatz 
Isokrates, Machiavelli, Fichte : ein Essay / Jakob Engel
Entstehung
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Beide, den Athener Iſokrates wie auch den Florentiner Machiavelli, ſahen wir nicht ohne Mühe ihren Lokalpatriotismus zu Gunſten eines umfaſſenderen Nationalgefühles überwinden. Solch ein Konflikt blieb dem deutſchen Patrioten, deſſen Wirken wir jetzt betrachten wollen, erſpart. Der Umſtand, daß ſeine Wiege in einem Dorfe des Kurfürſtentums Sachſen, ſpeziell der Ober⸗ lauſitz, ſtand, welche dem deutſchen Volke auch einen Pufendorf und Leſſing gegeben hatte, erklärt das zur Genüge..

Dem Athener des Altertums, dem Florentiner des Mittelalters, dem Preußen ſeit den Tagen Friedrichs des Großen, ihnen wurde der Flecken Erde, dem ſie entſproſſen, durch eine Lng Vergangenheit und Gegenwart lieb und wert gemacht; aber welche Wurzel ſollte den Spröß⸗ ling eines geſchichtsloſen Bodens, zumal da die ſächſiſchen Kurfürſten ihre hiſtoriſche Miſſion ſo ſehr verkannt und verleugnet hatten, an demſelben feſthalten? Aber auch er war nicht gleich der fertige Nationalpatriot, als welcher er in dem Pantheon deutſcher Geſchichte glänzend daſteht. Wie alle unſere Heroen des Geiſtes auf der Schwelle des vorigen und gegenwärtigen Jahrhunderts huldigte er dem Kosmopolitismus, und dieſer nahm unter dem Eindruck ſeiner eben erſt erfolgten Abſetzung von ſeiner jenenſer Profeſſur eine recht bedenkliche Wendung. Drückte er doch in einem Briefe vom 3. Mai 1799 an Reinhold, ſeinem Vorgänger auf dem Katheder in Jena, die Hoff⸗ nung aus, daß nur durch die Franzoſen die Denkfreiheit in Deutſchland gerettet werden könne. Damals hatte Frankreich ſeine Herren noch nicht gefunden, damals gerade kämpften die fran⸗ zöſiſchen Waffen mit beſonderem Unglück, und in demſelben Schreiben ſpricht er davon, nach Amerika auswandern zu wollen. Er blieb und ſah das neue Cäſarentum entſtehen. Aber noch zur Zeit der Schlacht bei Auſterlitz, als Schiller längſt die Abſichten des Bonapartismus erkannt hatte, ſchrieb Fichte:Welches iſt denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten chriſtlichen Europäers? Im Allgemeinen iſt es Europa, insbeſondere iſt es in jedem Zeitalter derjenige Staat in Europa, der auf der Höhe der Kultur ſteht. Mögen doch die Erdgeborenen, welche in der Erdſcholle, dem Fluſſe, dem Berge ihr Vaterland erkennen, Bürger des geſunkenen Staates bleiben; ſie behalten, was ſie wollten und was ſie entzückte. Der ſonnenverwandte Geiſt wird unwiderſtehlich angezogen werden und dahin ſich wenden, wo Licht iſt und Recht. Und in dieſem Weltbürgerſinne können wir über die Handlungen und Schickſale der Staaten uns beruhigen, für uns ſelbſt und für unſere Nachkommen bis an das Ende der Tage.Nichts Zufälligeres und Unweſentlicheres hiebt es, als den Wechſel äußerer Verhältniſſe, ſo ſchrieb er Ende 1799 an ſeine Frau aus Berlin, nicht bloß in der Abſicht ſie zu tröſten.

Wie bald ſollten weltbewegende Ereigniſſe dieſe weltbürgerlichen Anſichten widerlegen; aber nicht allein äußere Begebenheiten waren es, welche ſeine Anſichten ändern ſollten; mehr oder minder unabhängig davon ging in ſeiner Auffaſſung des Staates, mit deſſen Studium er ſich ſchon in Zürich, als er einer Profeſſur harrte, abgegeben hatte, eine Veränderung vor. In ſeiner Jugendarbeit, den Beiträgen zur Berichtigung der Ürteile über die franzöſiſche Revolution, welche er um des Prinzips der allgemeinen Gleichheit willen freudig begrüßt hatte, hatte er in dem Staate nichts anderes erblickt als ein notwendiges Übel, zwar freiwillig gegründet zum Schutze des Eigentums, doch durch den Zwang zuſammengehalten. Einen vichtigen Fortſchritt in ſeiner Lebensanſchauung enthielt ſeine zu Ende des Jahres 1800 erſchienene Schriftder geſchloſſene Handelsſtaat.

Trotz aller Utopien darin heißt es doch, daß der Staat auf einer wirklichen Volkseinheit ruhen müſſe. Was aber den Zweck des Staates anlangt, ſo erkannte ihn Fichte erſt mit Klarheit in den trüben Tagen, welche auf die Beſiegung Preußens folgten, als Staaten wie Kartenhäuſer zuſammenbrachen, als Völker ohne Rückſicht auf geſchichtliche und geographiſche Verhältniſſe zu⸗ ſammengewürfelt wurden, als der Länderſchacher unter napoleoniſcher Agide blühte, als das ſtaats⸗ bürgerliche wie das ſittliche Gewiſſen der Bevölkerung in gleicher Weiſe verkümmerte. Jetzt ent⸗ deckte er, daß der Staat mehr ſei und ſein müſſe als der Hüter der materiellen Güter des Volkes, ſondern daß er dazu berufen wäre, ſeine Inſaſſen zur Sittlichkeit zu erziehen. Natürlich trug die berliner Luft, die er ſeit ſeinem Weggange aus Jena mit der kurzen Unterbrechung ſeines erlanger

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