Aufsatz 
Isokrates, Machiavelli, Fichte : ein Essay / Jakob Engel
Entstehung
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weichen; ſchon zu der Zeit, als er noch im Stadium des größten Lokalpatriotismus ſtand, ſuchte Machiavelli die Söldnerbanden ſeiner Vaterſtadt durch ein bürgerliches Aufgebot zu erſetzen; nicht nur die Geſchichte Roms, aus welcher er ſich Begeiſterung für die Wiedergeburt Italiens trank, lehrte ihn, daß die beſten Krieger zugleich die beſten Bürger ſeien, ſondern auch die Bürgermiliz Piſas, der Rivalin ſeiner Vaterſtadt, bewies ihm durch ihren mannhaften Widerſtand ihre Vor⸗ züge vor einer angeworbenen Soldateska, welche, aus dem Auswurf der Geſellſchaft beſtehend, aller Mannszucht ſpottete, und das Beiſpiel Cäſar Borgias zeigte an, welche Macht ein Fürſt durch eine territoriale Streitmacht gewinnen könne. Allerdings legt die nationale Bewaffnung Opfer auf, aber ſie iſt die beſte Schule, um Geiſt und Körper gleichmäßig zu heben;ohne ſie geht die beſte Verfaſſung gerade ſo zu Grunde wie die prunkenden Säle eines Königspalaſtes, denen Gold⸗ ſchmuck und Juwelen nichts nützen, wenn ſie des ſchützenden Daches entbehren. Aber iſt eine ſolche Landesbewaffnung verträglich mit einem machiavelliſchen Fürſtentume? Doch nur dann, wenn die Abſichten des Herrſchers auf das Beſte des Staates gerichtet ſind und wirklich mit den Wünſchen der Mehrheit ſich decken. Unter den damaligen Verhältniſſen das Beiſpiel Cäſar Borgias lehrte es war es denkbar, ſelbſt eine rettende Teufelsfauſt mußte wie eine Gottes⸗ hand geküßt werden. Aber war der große Zweck, die Befreiung Italiens, erreicht, was dann? Konnten ſich die den Unterthanen anvertrauten Waffen nicht gegen den Fürſten ſelbſt kehren? Wohl ſagt Machiavelli in einer ſeiner politiſchen Schriften: Ganz ungegründet ſei die Furcht, daß eine ſolche Landesbewaffnung ſich gegen die Regierung wenden und ſomit den Staat um⸗ ſtürzen werde. Mit Recht läßt ſich einwerfen, dies gelte nur unter Vorausſetzung einer republika⸗ niſchen Staatsform; mit gleichem Rechte aber läßt ſich gegen dieſen immerhin disputablen Satz folgendes einwenden. Erſtens ſtrebt der Fürſt Machiavellis inſtinktiv nach dem Beſten des Ganzen und handelt im Intereſſe der Majorität und zweitens denkt unſer Politikus überhaupt nicht über das erwähnte Ziel ſeines italieniſchen Idealmonarchen hinaus. Kommen andre Zeiten, ſo gilt es, andere Saiten aufzuziehen; der Fürſt Machiavellis iſt kein Stereotyp, er iſt vielmehr eine Proteusnatur; er exemplifiziert es ja ſelbſt an den Beiſpielen Cäſar Borgias und Scipios; ſowohl die blutige Strenge des erſteren als auch die gewinnende Milde waren ganz am Platze. Salus rei publicae bleibt der Leitſtern ſeines Idealfürſten; je nach den Umſtänden, je nach dem Charakter der Zeit werden ſich die Mittel richten. Der florentiniſche Staatsmann war zu ſehr Realiſt, um bloß wie Ixion eine Wolke zu umarmen. Die genannten Beiſpiele aus ſeiner eigenen Zeit, der Umſtand, daß Einzelkämpfe die Überlegenheit ſeiner Landsleute an Körperkräften, Geſchicklichkeit und Verſtand bewieſen haben, gab ſeiner Viſion einen Untergrund von Realität; aber dennoch dünkt ihm die Wahrſcheinlichkeit der Erfüllung ſeines patriotiſchen Traumes gering, wenigſtens ein gleiches Wunder heiſchend, wie es Gott dereinſt zur Rettung der Israeliten that, als er ihnen durch eine Wolke den Weg zeigte, den Felſen Waſſer ergießen, den Himmel Manna herabregnen ließ. Solche Wunder müſſen geſchehen, damit Italien unter den Fahnen der Medicäer wieder geadelt werde und damit die Prophezeihung Petrarcas eintreffe:Die Tugend wird gegen die wilde Wut in Waffen treten und das Gefecht bald entſchieden ſein; denn die alte Tapferkeit iſt in der Bruſt der Italiener auch heute noch nicht erſtorben.

Weder in den 14 Jahren, welche Machiavelli nach Abfaſſung des principe noch zu leben beſchieden waren, noch in den nächſtfolgenden Jahrhunderten fand ſich ein Staatsmann, welcher der ihm vom Verfaſſer zugedachten Rolle gewachſen geweſen wäre; nur Füchſe und Wölfe gebar die Zeit, keinen Löwen, geſchweige denn ein Doppelweſen von Fuchs und Löwen, wie es ſich Machiavelli wünſchte; fremde und einheimiſche Wölfe fuhren daher fort, Italien zu zerfleiſchen und es ſo von Kräften zu bringen, daß ihm ſelbſt die Erinnerung an ſeine große Vergangenheit ſchwand; erſt der Piemonteſe Alfieri, gewiſſermaßen der Schiller Italiens, griff den Gedanken der Einheit Italiens wieder auf, ſich eifrig bemühend, ſeine Liebe für ſein engeres Vaterland der Begeiſterung für ſeine größere Heimat, die von den Eistürmen der Alpen bis zu den Palmen⸗ hainen Siziliens reichte, unterzuordnen.