Aufsatz 
Isokrates, Machiavelli, Fichte : ein Essay / Jakob Engel
Entstehung
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Auf Borgias Bild, welchen Machiavelli unter dem Eindruck einer perſönlichen Zuſammen⸗ kunft in der Romagna einen Menſchen ohne Erbarmen, einen Rebellen gegen Chriſtus, eine Hydra, einen Baſilisken, der des elendeſten Todes würdig ſei, genannt hatte, verblaßten in der Erinnerung des florentiniſchen Staatsmannes die Blutflecken und ſeine Herrſchertalente traten deſto mehr hervor. Er wurde ihm das Muſter eines Fürſten, der das Zielbewußtſein des Staatsmannes, die Gewandt⸗ heit des Diplomaten, die Kühnheit des Soldaten alleſamt in ſeiner Perſönlichkeit vereinigte, und den Gedanken der Befreiung Italiens, welchen er dem idealiſierten Cäſar Borgia ſubſtituierte, ſollte einer der beiden Medicäer Giuliano oder Lorenzo ausführen. In ihnen, ſo träumte Machiavelli, ſollte die Staatsweisheit ſelbſt, die ihm von jeder moraliſchen Erwägung unabhängig zu ſein ſchien, wieder Fleiſch werden.

Wie weit ging nun das Einheitsverlangen Machiavellis? Wünſcht er nur eine föderative Vereinigung aller italieniſchen Staaten groß und klein, zu dem vorübergehenden Zwecke der Ver⸗ treibung der Fremden und wollte er darum dem Vollbringer dieſer That nur eine zeitweiſe Führer⸗ rolle nach der Art der altteſtamentlichen Richter zuweiſen? Oder dachte er an eine dauernde Eini⸗ gung Italiens unter einem Monarchen?

In den politiſchen Beſtrebungen des florentiniſchen Staatsmannes ſind wie in denen des Iſokrates zwei Phaſen zu unterſcheiden. Wohl erfüllte ihn, wie das ſchon erwähnte erſte Decennale darthut, angeſichts der chaotiſchen Zuſtände, welche ſeit dem Einfalle Karls VIII auf der Halbinſel herrſchten, tiefer Schmerz über Italiens kläglichen Fall; er beklagt die tiefen Wunden, welche die Fremden Italien ſchlagen und wünſchte wohl ſie heilen zu können; aber der Sinn für die nationale Einheit wurde zunächſt noch überwogen von der größeren Liebe zu ſeinem kleinen florentiniſchen Vaterlande, heftiger als gegen die Barbaren iſt ſein Haß gegen Piſa und Venedig, und der letzte Gedanke, welcher nichts geringeres als die Notwendigkeit der allgemeinen Wehrpflicht enthält, gilt Florenz allein, nicht aber dem Geſamtvaterlande. Bis zum Jahre 1512, d. h. ſolange als die demokratiſche Partei in ſeiner Vaterſtadt am Ruder war, fühlte Machiavelli ſich vorwiegend als Florentiner. Sobald aber die Medici zurückkehrten und die Macht des florentiniſchen Fürſtentums als Gradmeſſer der Unabhängkeit Italiens hinſtellten, wich ſein Lokalpatriotismus und ſein Republikanismus der Begeiſterung für die Einheit und Größe des Geſamtvaterlandes, das er ſich, wie früher bereits bemerkt, nur als Monarchie vorſtellen konnte. Die Monarchie begann ihm, wie den Griechen des vierten Jahrhunderts, als Panacee für alle Gebrechen der Zeit zu erſcheinen, und die giftige Quelle, woraus alle mit einander floſſen, iſt ihm die Selbſtſucht. So ſchlecht wie nur Martin Luther denkt Machiavelli vom Menſchen: wie der erſtere den einzelnen Menſchen für gänzlich unfähig hielt, durch eigene Kraft ein Bürger des Gottesſtaates zu werden, ſo traut der andre der menſchlichen Geſellſchaft es nicht zu, einen Staat dieſer Welt, d. h. nach Machiavelli eine Einrichtung, wo vor dem allgemeinen Beſten der Egoismus des Einzelnen zurücktreten muß, wiederherzuſtellen, ſondern nur unter dem Eindruck des Zwanges kann es geſchehen. Allerdings wird dieſer Zwang durch die Menſchen, d. h. Selbſtſücht⸗ lingen ausgeübt; Ludwig XI in Frankreich, die katholiſchen Majeſtäten in Spanien verfolgten auch nur egoiſtiſche Abſichten, als ſie mit häufiger Hintenanſetzung von Ehrenhaftigkeit alle lokalen und perſönlichen Intereſſen mit Füßen traten; aber ſie waren ihm nur Werkzeuge in der Hand eines Höheren und gründeten nicht nur ihre eigene Macht, ſondern ſie verhalfen dadurch zugleich ihren Völkern zur Einheit und dadurch zur Stärke. Einen ſolchen beſtändigen Zwingherrn zur Unterdrückung des Egoismus wünſcht Machiavelli ſeinem Volke, einen Tyrannen zur Erweckung der nationalen Unabhängigkeit. Der erſte und der letzte Gedanke eines dahin ſtrebenden Fürſten müſſe es ſein, eine durchgreifende militäriſche Reorganiſation vorzunehmen, und wenn er dem Herrſcher aus dem Hauſe Medici dies empfiehlt, ſchwebt ihm wieder die Geſtalt Cäſar Borgias vor, welcher aus jedem Haus ſeiner Beſitzungen einen Mann aushob. Dieſer Gedanke kehrt in allen politiſchen Schriften Machiavellis in derarte della guerra, imprincipe, in dendiscorsi wieder. Die Bürger Italiens müſſen wieder daran gewöhnt werden, ihr Höchſtes, nämlich ihr Leben, für ihr Gemeinweſen einzuſetzen, die Söldnerei muß der bürgerlichen, der nationalen Miliz