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neuen Ära ſein.„Welches Glück“, heißt es im 29. Kapitel ſeiner Rede an Philipp,„kann aber wohl größer ſein, als wenn aus den größten Städten die angeſehenſten Männer als Geſandte in Dein Reich kommen; wenn Du mit ihnen dann über das allgemeine Wohl beratſchlagſt, wenn Du ſiehſt, daß ganz Griechenland aufſteht und Du an ſeiner Spitze erſcheinſt; wenn niemand gleichgültig gegen Deine Thaten iſt, ſondern einige fragen, wie ſie ſtehen, andere Dir zur Erreichung Deiner Wünſche gratulieren, noch andere ſich fürchten, Du möchteſt vor der Vollendung Deiner Ünterneh⸗ mungen von hinnen gehen!“ Und was dachte ſich Iſokrates als Ziel des Philippos? Wenigſtens die Eroberung Kleinaſiens; aber über den Euphrat hinaus ſchienen die Eroberungsgelüſte des Königs nicht zu ſchweifen; ⁴) jedoch dieſe Eroberung, nicht durch Söldner, ſondern durch die nationale Wehrkraft vollbracht, war dem attiſchen Rhetor nicht Selbſtzweck, ſondern nur Mittel zu dem Zwecke einer großartigen Koloniſation. Wimmelte doch Griechenland in Folge der inneren Wirren von heimatloſen Familien und die Frage, wer die Hegemonie haben ſolle, war Myriaden viel gleich⸗ gültiger als woher das tägliche Brot ſtehlen; denn ſchon ſtand ein nicht geringer Teil der Be⸗ völkerung auf dem Standpunkt des Krieges aller gegen alle.
Aber der atheniſche Publiziſt kannte ſeine Landsleute ſchlecht: während er zur Verſöhnlich⸗ keit riet, zum Anſchluß an den König, der vom Fleiſch und Blut des beſten aller Hellenen wäre, der ſeinen Sohn Alexander von Ariſtoteles heranbilden ließe, predigte Demoſthenes den Krieg gegen den nordiſchen Barbaren, und um die jüngſte helleſpontiſche Erwerbung König Philipps entzündete ſich ein neuer Kampf, der mit Chäronea endete. Alſo doch eine Löſung durch Blut und Eiſen. Nur wenige Tage überlebte der mehr als neunzigjährige Iſokrates die Niederlage ſeiner Lands⸗ leute; er hatte keine Gelegenheit mehr die Mäßigung des Siegers zu bewundern und den urplötz⸗ lichen Umſchlag in den Geſinnungen der Athener kennen zu lernen; denn während ſie unmittelbar auf die Kunde der unglücklichen Schlacht ſich zu einem Kampf der Verzweiflung anſchickten, über⸗ boten ſie ſich bald darauf in Ehrenbezeugungen gegen ihren Beſieger. Unter dem Eindruck jener heroiſchen Anwandlung ſeiner Mitbürger ſah ſich der Greis vor einem tragiſchen Konflikte.*) em ſollte er Niederlage wünſchen, ſeiner geliebten Vaterſtadt oder ſeinem Helden, welchen er in ſeinem Panathenaikos nicht anſtand mit Agamemnon zu vergleichen? Was war ſchlimmer, noch einmal zu ſehen, wie einſt in ſeinen männlichen Jahren, wie die Mauern ſeiner ſtolzen Vaterſtadt fielen, oder ſeinen Heros geſchlagen und damit zugleich die Zukunft, die nationale Einigung von Hellas begraben? In dieſem Konflikt, nicht aus purer Betrübnis über den Sieg Philipps, welcher ja ſeine geklärten nationalen Wünſche der Erfüllung näher brachte, beſchleunigte der hochbetagte Greis ſeinen Tod, indem er ſich freiwillig der Nahrung enthielt. Es war mehr eine Regung des Herzens als des Verſtandes, wenn es ihn zu Tode betrübte, daß die Zukunft von Hellas, welche ihm nur durch den Anſchluß an ein ſtarkes mazedoniſches Königtum möglich ſchien, nicht anders als auf den Trümmern Athens erſtehen könne. Er wußte, um es zu wiederholen, nicht, welch ein Ge⸗ ſinnungswechſel dem König gegenüber bei ſeinen Mitbürgern eintreten würde, wie maßvoll Philipp ſeinen Erfolg benutzen würde, wie er die Autopolitie der einzelnen Gemeinweſen nur inſoweit be⸗ ſchränken würde, daß ihm, dem Hegemonen Griechenlands, daraus keine Feindſeligkeiten erwachſen könnten. Der nationale Gedanke, die Verbindung Griechenlands mit Mazedonien unter ähnlichen Bedingungen wie die des übrigen Deutſchlands mit Preußen, von Philipp in erſter Reihe erſtrebt, um das mazedoniſche Königtum dadurch zu ſtärken, ſchien erfüllt zu ſein; die Stunde war genaht, in welcher die Hellenen unter der Führung des Siegers von Chäronea mit ihrem gemeinſchaftlich vergoſſenen Blute auf Schlachtfeldern Aſiens die neue Einheit kitten ſollten; da traf ihn, wie Jaſon von Pherae, wie Iſokrates es gefürchtet hatte, in der Maienblüte ſeines Glückes ein Dolch, welchen private Rache ſchwang. Iſokrates war ſchon lange tot, ſonſt hätte es ihm das Herz brechen müſſen, zu ſehen, wie die kaum geſchaffene Einheit zerfloß, wie die Lektion, welche der Vater den Griechen bei Chäronea erteilt hatte, von dem Sohne und Nachfolger noch blutiger wiederholt wurde. Wohl
¹) ſ. J. Kaerſt, Forſchungen z. Geſch. Alex. d. Gr. Stuttgart 1887. 10. 11. ²) Curtius, Gr. Geſch. III. p. 733. 3 g


