Aufsatz 
Isokrates, Machiavelli, Fichte : ein Essay / Jakob Engel
Entstehung
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jenſeit der Elbe, wohin Germania ſich verzweiflungsvoll gerettet hatte, die Geduld des Volkes auf immer härtere Proben von dem wortbrüchigen Sieger geſtellt wurde, da wurden die Worte Schillers:Nichtswürdig iſt die Nation, die nicht ihr Alles freudig ſetzt an ihre Ehre, in aller Herzen bewegt. Aber auch aus lebendem Munde ſchlugen dieſelben Töne dem von langem Zauber⸗ ſchlaf erwachenden Deutſchen ans Ohr. Ein zweiter Mann, hinter welchem gleichwie hinter Schiller alles Gemeine in weſenloſem Scheine lag, der einſt auch nur dem Fleiſche nach ein Bürger ſeiner Zeit und ſeines Landes hatte ſein wollen, war durch das, was er ſchaudernd ſelbſt erlebt, vom Kosmopolitismus geheilt worden und wurde zum Hohenprieſter der Vaterlandsliebe. Es war Johann Gottlieb Fichte.

Ziehen wir jetzt, bevor wir die Thätigkeit des deutſchen Mannes mit dem des helleniſchen Rhetors und des italieniſchen Politikers vergleichen, eine zuſammenfaſſende Parallele zwiſchen den ge⸗ ſchichtlichen Verhältniſſen, unter welchen ſie auftraten. In allen drei Fällen ſtand eine Nation am Rande der Gefahr ihre nationale Selbſtändigkeit zu verlieren; früh empfand man in einer jeden die Sehnſucht nach nationaler Einheit; der vorwaltende Geiſt der Sonderung, teils aus beſchränk⸗ tem Lokalpatriotismus, teils aus trüber Selbſtſucht, teils aus Mißtrauen gegen die Abſichten Be⸗ rufener entſpringend, ließ es zur Einigung nicht kommen. Was die innere Uneinigkeit begonnen hatte, beförderten oder vollendeten die Waffen des Auslandes, von der Verblendung ſelbſt um Einmiſchung beſchworen. Beförderten oder vollendeten, ich wiederhole es; denn nicht einer jeden der drei Nationen gingen rechtzeitig die Augen auf, nicht überall fanden die Propheten Naubid⸗ Ohren. Wunderſam iſt es, daß gerade dasjenige Volk, welches am wenigſten politiſche Ader zu haben ſchien, deſſen große Dichter und Denker ſich in der Predigt vom Dogma des Weltbürger⸗ tums gefallen hatten, daß das Deutſche Volk gerade am eheſten ſeine Feſſeln ſprengte. Daß der Deutſche, und würde er in Ketten geboren ſein, frei ſei, das erkannte zuerſt ein Franzoſe, der, von der Revolution vertrieben, im deutſchen Norden eine zweite Heimat gefunden hatte und wie Adalbert von Chamiſſo zum Germanen wurde. Charles de Villers das iſt der Name des Mannes ſagte ahnungsvoll:die franzöſiſchen Heere haben die Deutſchen geſchlagen, weil ſie ſtärker ſind; aus demſelben Grunde wird der deutſche Geiſt ſchließlich den franzöſchen Geiſt beſiegen. Ich glaube ſchon einige Anzeichen dieſes Ausganges zu ſehen. Die Vorſehung hat ihre eigenen Wege.

Und umgekehrt dasjenige Volk, welches dem Weltbürgertum am abholdeſten und wie kein zweites der Welt von Nationalſtolz erfüllt war, das auf alle andern als geborene Knechte und Barbaren herabblickte, es ſollte nimmer den Tag ſeiner nationalen Einigung ſehen: Hellas ſank aus der entehrenden Umarmung des einen Fremdlings in die entehrendere eines andern. Daß Italien endlich den Becher der Schande nicht ſo bis zur Hefe wie Hellas ſeine ältere Schweſter trinken mußte und ſich ſchließlich doch dem Zwange entriß, dankt es nicht ſo ſehr der eigenen Kraft als dem Umſtande, daß der ſtürmiſchen Werber zugleich mehrere waren und einer dem andern die ſchöne Beute ſtreitig zu machen ſuchte.

Wir beendeten unſern Überblick über die griechiſche Geſchichte in dem Augenblicke, als der zweite von Athen ausgehende Einigungsverſuch, der zweite attiſche Seebund zur großen Genug⸗ tuung des Iſokrates, der in ſeiner Rede über den Frieden denſelben um jeden Preis, ſelbſt mit Daranſetzung der großſtaatlichen Politik ſeiner Vaterſtadt gewahrt wiſſen wollte, ſich auflöſte. Lange bevor dies geſchehen war und ſieben Jahre nach dem Frieden des Antalcidas, jenem weſtfäliſchen Frieden Griechenlands, welcher den ſo oft beſiegten Perſerkönig zum Schiedsrichter der Hellenen machte und die griechiſche Kleinſtaaterei in der grellſten Beleuchtung zeigte, war Iſokrates aufge⸗ treten. Als Knabe hatte er noch die Glanzzeit des Perikles geſehen, als Jüngling hatte er zu den Füßen des Weiſeſten der Hellenen geſeſſen, als Mann hatte er die Mauern ſeiner Vaterſtadt unter dem Schall ſpartaniſcher Querpfeifen ſinken ſehen, älter denn Neſtor ſollte ihm die traurige Überzeugung aufgehen, daß die Nationalitätsfrage nicht anders als durch Eiſen und Blut gelöſt werden könne.

Was war aber Iſokrates? Er war der erſte Publiziſt, den die Geſchichte kennt. Denn ſein Streben war, wie uns Dionys von Halikarnaß in der den Iſokrates betreffenden Mono⸗