Aufsatz 
Isokrates, Machiavelli, Fichte : ein Essay / Jakob Engel
Entstehung
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der letzten Hohenſtaufen ein Bild kläglichen Verfalles, gleich elend unter der franzöſiſchen wie unter der ſpaniſchen Dynaſtie; es herrſchte der Krieg aller gegen alle in Italien, als ſich im Oſten und im Weſten neue Wetterwolken gegen daſſelbe auftürmten: die Venetianer, die Wächter der Adria entblödeten ſich nicht, die Türken gegen die Neapolitaner zu Hilfe zu rufen; ſchon hatten die Ungläubigen durch die Einnahme Otrantos auf der Halbinſel feſten Fuß gefaßt, als plötzlich der krieggewaltige Sultan Muhamed ſtarb; ſein Tod allein hinderte es vielleicht, daß der Halb⸗ mond nicht abermals wie zu Zeiten des erſten Nikolaus in der heiligen Stadt der Chriſtenheit ſelbſt aufgepflanzt wurde; viel drohender aber war die Gefahr, welche von den weſtlichen Alpen her drohte. Aus dem langen Kriege mit England war Frankreich endlich ſiegreich hervorgegangen, das gewonnene Selbſtgefühl, die ſichtliche Schwäche ſeiner Nachbarn ließ die Schwingen ſeines Ehrgeizes mächtig wachſen; man überlegte, ob man die vermeintlichen uralten Grenzen Frankreichs am Rheine wiederherſtellen oder ſich in die Wirren, welche den Garten Europas vervüſteten, ein⸗ laſſen ſollte. Letzteres verſprach größeren Erfolg; zu ſpät ließ der greiſe König Ferdinand von Neapel einen Kaſſandraruf erſchallen und forderte alle Fürſten Italiens zu gemeinſamer Abwehr auf. Vergebens. Das auch von Savanarola verkündigte Strafgericht traf ein. Im Bunde mit dem Herzog von Mailand überſtieg Karl VIII 1494 die Alpen, und die Unthaten ſeines Heeres überboten ſogar noch die apokalyptiſchen Auslaſſungen des prophetiſchen Dominikaners; was ſelbſt in den erbittertſten Parteifehden heilig geweſen war, die öffentlichen Aſyle der Kranken, die Franzoſen reſpektierten ſie eben ſo wenig, wie ihre Nachfahren im Beginn des letzten Krieges das rote Kreuz der Genfer Convention. Die Invaſionen Karls VIII und ſeines Nachfolgers Ludwig XII, der nach dem Beſitze Mailands und Neapels lüſtern war, zog alsbald die Spanier und die Deutſchen in das unglückliche Land, das, da es keiner allein zu behaupten vermochte, von allen dreien um die Wette zerfetzt wurde. Ob der gemeinſamen Not, in welche der Partikularismus Italien gebracht hatte, als es von den Franzoſen ausgeraubt, von den Spaniern mit Füßen ge⸗ treten, von den Schweizern geſchändet ward, gewann endlich das Nationalgefühl über die Liebe zum engeren Vaterlande die Oberhand; ſelbſt die, welche als die Verkörperung der Selbſtſucht gelten mochten, die Söldnerführer, die die Parteien wie Handſchuhe wechſelten, fühlten ihr Herz angeſichts der Leiden Italiens ſchlagen.Wer nicht, ſo ſchreibt Ercole Bentivoglio, ein Söldner⸗ hauptmann in florentiniſchem Dienſte an Machiavelli, als dieſer ihm ſein erſtes Decennale über⸗ ſandt hatte,wer nicht die Geſchichte dieſer Zeit, gemeint iſt der Zeitraum von 1494 1504 lieſt, der wird nie glauben können, daß Italien in ſo kurzer Zeit aus ſolchem Wohlſtand in ſolches Verderben geſtürzt ſei; dahin ſcheint ja das Wenige, was uns noch bleibt, wie nach einem erſehnten Ziele zu ſtreben, wenn uns nicht unvermuteter Weiſe der errettet, der das Volk Iſrael aus den Händen der Pharaonen errettet hat. So war, verſichert uns der neueſte Biograph Machiavellis, Pasquale Villari, die allgemeine Anſchauung in Italien.

Sur ſelbigen Zeit begann auch in Deutſchland der Nationalgeiſt ſeine Schwingen zu regen; die kaiſerloſen zwanzig Jahre, welche dem Untergange der Hohenſtaufen folgten, hatten den Par⸗ tikularismus mächtig ins Kraut ſchießen laſſen, und ſelbſt das Königtum und das Kaiſertum wurden partikulariſtiſcch. Zu Gunſten ſeines Hauſes und ſeiner böhmiſchen Erblande erließ Karl IV, der Petrarcas Hilferufen taub war, das Reichsgeſetz der goldenen Bulle, durch welche auch die Präten⸗ ſionen der hohen Ariſtokratie auf Souveränitätsrechte in ihren Gebieten die königliche Sanktion erhielten; frank und frei ſprach Kaiſer Maximilian 1 den kaiſerlichen Partikularismus aus, indem er ſagte, ich bin vor allem Öſterreich verpflichtet. Nur im Intereſſe des Hauſes Habsburg alſo wollte Maximilian I die mittelalterliche Reichsherrlichkeit wiederherſtellen, aber auch nur unter der Vorausſetzung der Wahrung ihrer Vorteile wollten die Kurfürſten von der Errichtung eines Reichsregimentes etwas wiſſen: der Kaiſer dachte ſich dieſes nur als einen von ihm eingeſetzten, abhängigen Organismus, die hohe Ariſtokratie wollte das Reichsregiment durch ſtändiſche Bevoll⸗ mächtigte gebildet und in vielen Fällen ohne Mitwirkung des Kaiſers regierend wiſſen. An der beiderſeitigen Selbſtſucht ſcheiterte der Plan einer ſtrafferen Reichseinheit. Da aber gab das Auftreten Martin Luthers, die Befreiung des deutſchen Geiſtes aus dem Banne des römiſchen,