Aufsatz 
Isokrates, Machiavelli, Fichte : ein Essay / Jakob Engel
Entstehung
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allerdings ſtand, wie Machiavelli ſagt, dem italieniſchen Königtum entgegen, nämlich der der Freiheit zugeneigte Sinn des italieniſchen Volkes. Aber doch war dieſe Staatsform das kleinere von zwei Übeln; unter einem König, wofern es kein wüſter Eroberer mit Sultanslaunen ſei, erfreuten ſich alle Städte ſeines Reiches einer gleichmäßig milden Behandlung und wenn ſie auch nicht wachſen könnten wie freie, ſo doch auch nicht zu Grunde gehen wie in Knechtſchaft befindliche; und denken wir uns das Reich jenes Visconti errichtet, es konnte der Bologneſe wie dex Piſaner, der Florentiner wie der Veroneſe, vom Fürſten berufen, gleich dem Mailänder ſelbſt Amter des Geſamtſtaates bekleiden. Die Monarchie, ſagt Guicciardini, kommt mehr allen zu gute, während die Republik nur ihren eignen Bürgern Freiheit, d. h. Anteilnahme an der Regierung geſtattet. Noch ſtärker drückt es Machiavelli aus:Von allen harten Knechtſchaften iſt aber die härteſte die, welche dich einer Republik unterwirft, einmal weil ſie dauernder iſt und weniger Hoffnung gewährt, ſie los zu werden, dann weil die Republik das Streben hat, um ihren eigenen Körper wachſen zu machen, alle andern Staatskörper zu entnerven und zu ſchwächen*). Ein Bund der italieniſchen Stadtgebiete unter einander konnte ſo nicht entſtehen, denn die Vorausſetzung eines ſolchen iſt, daß die Zentralregierung von der kommunalen verſchieden iſt, daß Stadt und Staat nicht identiſch ſind. In den durch Eroberung gebildeten italieniſchen Republiken gab es zwei Sorten von Bürgern, die des Vororts als allein zur Regierung des Geſamtſtaates Berechtigte und die der unterworfenen Kommunen als Minderrechtige, welche eben nur an der kommunalen Verwaltung ihrer Vaterſtadt teilnehmen durften. Es war dies daſſelbe Verhältnis, um auf italieniſchem Boden zu bleiben, wie das der Nachkommen des Romulus gegenüber den Gemeinden Latiums und ſpäterhin gegenüber denen des übrigen Italiens. Da die erobernde italieniſche Commune keine Repräſentativverfaſſung für die Inſaſſen des ganzen Staatsgebietes kannte und jeder ihrer Fortſchritte die Leiter eines Staates oder Stadtgebietes zu Verwaltern einer Stadt herabdrückte, ſo trugen die ſo zuſammen⸗ eſchweißten Staaten genug des Exploſionsſtoffes in ſich. Schon Arnold von Brescia, der auf den Trümmern des geſtürzten Petriſtuhles die Herrlichkeit des republikaniſchen Rom neu errichten wollte, mußte die Erfahrung machen, daß die nach altrömiſchem Muſter agirende Republik für der Übel größtes galt; nicht nur der vertriebene Statthalter Chriſti und der Adel Roms machten gegen die junge aus der Unterwelt heraufbeſchworene Republik Front, ſondern auch die Städte Latiums und Toskanas, welche von Seiten des neurömiſchen Gemeinweſens, nicht minder, wie ihre Vorfahren von Seiten der altrömiſchen beſorgt hatten, den Verluſt ihrer Unabhängigkeit fürchten. Die⸗ ſelbe Erfahrung mußte gegen das Ende des 15. Jahrhunderts die Signorie von Venedig machen: ſchon hatte der Markuslöwe ſeine Tatzen auf das Land zwiſchen der Adria und der Etſch, ſowie auf Friaul und Iſtrien und die Romagna gelegt, allenthalben in Apulien, im Milaneſiſchen beſaßen die Venetianer Städte und Anhänger, ſchon griffen ſie Faenza, die Eingangspforte zu Toskana an und hofften ihre Fahnen auch am tyrrheniſchen Geſtade aufzupflanzen, ſchon rechnete das übrige Italien mit der Möglichkeit, daß die Venetianer die Halbinſel beherrſchen, nicht regieren würden; ſchon gefielen ſich die venetianiſchen Geſchichtsſchreiber im Vergleich der Lagunenſtadt mit der Siebenhügelſtadt, ſchon ehrte man die 1369 entdeckten angeblichen Gebeine des Titus Livius, des Heroldes römiſcher Größe als die eines Kollegen des heiligen Markus, ſchon fürchtete das Oberhaupt der Chriſtenheit zumKaplan Venedigs degradiert zu werden. Aber lieber wollten die Italiener einem fremden Monarchen gehorchen als einer einheimiſchen Stadt und noch dazu einer kleinen Anzahl plutokratiſcher Familien.

Von Seiten der Päpſte war die Einigung der italieniſchen Nation nicht zu erwarten; es lag eben ſo ſehr am Wollen als am Können; einmal war der Vater der Chriſtenheit vermöge ſeiner univerſaliſtiſchen Beſtrebungen nicht dazu angethan, das gleichfühlende Oberhaupt einer Nation zu werden und dann war, wie Machiavelli ſagt, die Macht des Prieſterſtaates wohl groß genug, ihm unbequeme Einigungsverſuche zu verhindern, nicht aber um ſelbſt die Einigung herbei⸗ zuführen. Der größte Staat der Halbinſel endlich, das Königreich Neapel, bot ſeit den Tagen

*) Disc. II. 2.