die mächtigen Zauberer mit Pinſel und Meißel Muſterbilder unvergänglicher Art, damals unter⸗ nahm Ludovico Arioſto, völlig unbeküämmert um den Sturm, welcher von Weſten her über Italien hereinbrach, auf dem Flügelpferd ſeiner Phantaſie ſeinen Ritt in den Urwald der Romantik— ſein Jagdbeute war das Lied vom raſenden Roland—, damals ſtellte Francesco Guicciardini in ſeiner florentiniſchen Geſchichte, als erſter den mittelalterlichen Chronikenſtil aufgebend nicht nur ein neues Muſter, ſondern das Muſter moderner Geſchichtsſchreibung in ſachlicher und ſprachlicher Be⸗ ziehung auf, damals eröffnete ein Sohn Genuas Europa nicht nur eine Welt neuer Gedanken, ſondern eine neue reale Welt.
Nur auf dem Grunde hohen materiellen Wohlſtandes konnte ſich ſolcher Flor geiſtigen Lebens entfalten; in Folge der Kreuzzüge hatte ſich der Reichtum in den Städten Norditaliens und Toskanas eingefunden; der geflügelte Löwe des heiligen Markus, der Greif Genuas, die Flaggen von Florenz und Piſa dominierten auf allen Meeren; auf den ſyriſchen und ägyptiſchen Zwiſchenplätzen handelte Italien die Erzeugniſſe des fernen Oſtens gegen die Produkte des eigenen Gewerbfleißes ein, in allen Handelsplätzen des Auslands waren lombardiſche und toskaniſche Kaufleute als Geldwechsler angeſiedelt. Nirgends aber erreichte der materielle Wohlſtand und die Geiſteskultur ſolche Bedeutung als in Florenz während des von perikleiſchem Geiſte angehauchten Zeitalters Lorenzos des Prächtigen; mit ihren Nachbarn lebte die Arnoſtadt in tiefem Frieden, unter ſeinen Bürgern herrſchte volle Eintracht, während Frankreich und England durch langjährige innere und äußere Kriege verarmt und verroht waren.
Wie die Mitbürger des Iſokrates und Demoſthenes, ſo hatte das Trachten nach materiellem Gewinne auch die Bürger von Florenz und Mailand der Waffen entwöhnt, womit ſie einſt ihre kommunale Selbſtändigkeit gegen die Kaiſer des Hohenſtaufengeſchlechtes erkämpft hatten. Die Parteiwut aber feierte ſeit dem Untergange Friedrichs II und ſeiner Nachkommen und ſeitdem mit dem epigonenhaften Heinrich VII die univerſaliſtiſche Kaiſeridee auf dem campo santo zu Piſa zu Grabe getragen war, ihre größten Orgien; die kaiſerloſe Zeit erſchien denen, die es mit Italien wohl meinten, noch ungleich ſchrecklicher als die Ära der kaiſerlichen Hohenſtaufen. Die erſten beiden Habsburger, welche Dante dafür Höllenſtrafen erdulden läßt und nicht minder die Nachkommen jenes ſiebenten Heinrich ſind ganz und gar von ihrer dynaſtiſchen Politik in Deutſch⸗ land und in den angrenzenden Slavenländern feſtgehalten; vergebens läßt Petrarca, befangen in dem weltmonarchiſchen Gedanken des Mittelalters, Italien Karl dem Vierten zurufen„Cäſar, Cäſar, Cäſar, warum haſt du mich verlaſſen?“ Aus dem Chaos der bürgerlichen Fehden zwiſchen den Ghibellinen, den Anhängern des Cäſarismus und den national oder richtiger partikulariſtiſch geſinnten Guelfen entwickelte ſich hier früher, dort ſpäter die Tyrannis, und mit ihr eine von Söldnern getragene kriegeriſche Politik; am früheſten in Mailand. Aus der Unmenge ſelbſtän⸗ diger kleiner Stadtgebiete entſteht in Folge von Eroberung eine Reihe von mittleren republikaniſch oder pſeudorepublikaniſch regierten Staaten. Das ganze ſtädtereiche Land, wo ſich ſeit den Tagen Alboins eine ſo glückliche Miſchung germaniſchen und romaniſchen Blutes vollzogen hatte, gehorchte im Anfang des 14. Jahrhunderts vom Teſſin bis zur Etſch, von den ſonnigen Alpenfjords bis zum tuskiſchen Apennin den Herzögen von Mailand, und gegen Ende deſſelben Jahrhunderts neigte auch das ſeemächtige Piſa ſeine Türme vor dem mailändiſchen Tyrannen, ja ſelbſt das von Bür⸗ gerfehden zerriſſene Florenz zitterte vor dem Kommen deſſelben. Giovanni Galeazzo Visconti, welcher ſich nur noch der Vaterſtadt Dantes bemächtigen wollte, um ſeinen Herzogshut mit der Krone Italiens zu vertauſchen. Aber der Tod trat zwiſchen ihn und die Krönung ſeines Wer⸗ kes(1402), ihm wäre vielleicht die Einigung Norditaliens gelungen, wenn auch nur auf die Zeit ſeines Lebens, denn er war der erſte und auf lange hin der einzige von ſeinen Landsleuten, der die Einheit des modernen nationalen Staates vor Augen hatte. Nur in der Form des König⸗ reiches ließ ſich das damalige Italien einen; nur das Königtum, die Monarchie, ſagt bereits Petrarca, könne das von den Schwären der Parteiwut zerriſſene Italien heilen; an ein nationales König⸗ reich freilich hatte, wie oben ügebeutet, der toskaniſche Gelehrte und Dichter noch nicht gedacht; er ſtand eben unter dem Bann der Erinnerung an das alte Rom und ſeine Weltmonarchie. Eins


