der Unwille darüber, daß Athen, in vermeintlichem Widerſpruch gegen die Bundesgeſetze, über ge⸗ wiſſe Gebiete, welche mit gemeinſamen Kräften den Perſern abgerungen worden waren, nach Be⸗ lieben verfügte und eigenmächtig über jene Bundesbeiträge disponierte. Als es darüber zum Bruche gekommen war, da ſuchte Athen im Intereſſe der nationalen Einheit ein Bundesverhältnis auf feſterem Fundamente zu gründen, als es der Sondergeiſt abgab; aber Athen mit ſeinen Söld⸗ nerheeren erlag in dem Kampfe gegen ſeine bisherigen Verbündeten, und angeſichts der blutigen Greuel dieſes Krieges war es ein politiſierender Profeſſor der Eloquenz, war es Iſokrates, der lieber das Palladium der uneingeſchränkten örtlichen Unabhängigkeit gewahrt wiſſen wollte als daß ſein geliebtes Athen eine Oberherrſchaft mit tyranniſchem Beigeſchmack führte und damit die nationale Unabhängigkeit für die Zukunft ſicherte. Und doch wollte er als ein„Mitverſchworener der Zukunft“ gelten. Ebenſowenig wie man in den italieniſchen Republiken des Mittelalters blind war gegen die aus dem Sondergeiſt entſtehenden Gefahren für die Freiheit Italiens, aber dennoch, unbekannt mit dem Repräſentativſyſtem des modernen Bundesſtaates Keinen prädominieren laſſen wollte, nicht minder verkannte man im alten Hellas die Gefahr, und ähnlich wie man zu jener Zeit in Italien, als man die Wahl hatte, ſich einer heimiſchen Republik oder einer fremden Monarchie zu unterwerfen, das letztere vorzog— warum, ſpäter— eben ſo zeigte ſich im damaligen Hellas eine unverkennbare Neigung für die Monarchie, mochte dieſelbe auf legitimer Grundlage beruhen oder nicht; ſo trug Xenophon kein Bedenken, ſeinen Landsleuten den Barbarenkönig Cyrus, den er zwar ſokratiſch denken, aber durchaus machiavelliſtiſch handeln läßt, als das Muſterbild eines Regenten hinzuſtellen, ſo feierte Iſokrates den cypriſchen König Euagoras, der ſeine Vaterſtadt Salamis von einer fremden Uſurpatorenfamilie befreit hatte und höchſt ſegensreich im Frieden, höchſt ehrenhaft im Kriege ſeiner Herrſchaſt gepflogen hatte, in allen Tonleitern; ſo pries Ariſtoteles implicite die Perſon eines macedoniſchen Herrſchers, während er die Vorzüge der Monarchie über⸗ haupt herausſtrich; dieſe ſtehen über den Parteien, während Oligarchie und Demokratie innerhalb der griechiſchen Städte, die ein Miniaturbild der allgemeinen Sonderung abgaben, es nur auf Herrſchaft abgeſehen hätten;„iſt aber Einer durch ſo überlegene Tüchtigkeit ausgezeichnet, daß die Tüchtigkeit und die politiſche Macht der Anderen mit der dieſes Einzelnen nicht vergleichbar iſt, dann kann man ihn nicht mehr als Teil anſehen; man würde dem an Tüchtigkeit und Macht in ſolchem Maß Ungleichen Unrecht thun, wenn man ihn als gleich ſetzen wollte; ein ſolcher wäre wie ein Gott unter Menſchen: daraus ergiebt ſich, daß auch die Geſetzgebung notwendig ſich auf die, welche an Geburt und Macht gleich ſind, beſchränkt; aber für jene giebt es kein Geſetz; ſie ſelbſt ſind Geſetz; wer für ſie Geſetze geben wollte, würde lächerlich werden“. Und wie ſelbſt nicht⸗ griechiſche Fürſten den Hellenen als Muſterbilder der Herrſchertugend hingeſtellt wurden, in gleicher Weiſe erwärmte man ſich damals ſchon, wie ſpäter in analogen Zeitverhältniſſen es Tacitus, Machiavelli und Rouſſeau thaten, für die vermeintliche Sitteneinfalt barbariſcher Völker. Denn nur zu gut war man ſich einer tiefen Sittenverderbnis bewußt. Und doch war die Zeit nicht ganz in Sinnenluſt aufgegangen; zwar die tragiſche Muſe war verſtummt, aber die komiſche, die ihren Mund fortan nicht mehr öffentlichen, ſondern privaten Verhältniſſen weihte, feierte gegen die Mitte und den Ausgang des 4. Jahrhunderts an der Hand eines Anaxandrides und Menander ihre größten Triumphe; hinter dem Schöpfer des olympiſchen Zeus blieben die plaſtiſchen Künſtler des 4. Jahrhunderts nicht zurück und dank dem wunderbaren Meißel eines Skopas und Praxiteles ſchien es als ob abermals Götter und Göttinnen auf Erden wandelten. Nicht minder bedeutend waren die Leiſtungen der Griechen auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft; die hiſtoriſche Ader freilich war mit Xenophons Schriften verſiecht; deſto bedeutender waren die Eroberungen auf dem Gebiete der Philoſophie, und Ariſtoteles heißt der Leitſtern, nach deſſen Glanz die Welt zweitauſend Jahre 8 niit heroleidiicher Bewunderung emporſchaute und der ſelbſt heut zu leuchten noch nicht aufgehört hat.
Einer gleich hohen Geiſteskultur erfreute ſich Italien auf der Grenzſcheide des 15. und 16. Jahrhunderts unter noch traurigeren politiſchen Ausſichten als Griechenland. Damals erreichte die italieniſche Kunſt ihre Sonnenhöhe; da ſchufen Leonardo da Vinci, Rafael und Michelangelo,


