Aufsatz 
Nur das Christentum führt zu wahrer Humanität / vom ... Ballerstedt
Entstehung
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das Volk der Juden ſein wiedergewonnenes Daſein im alten heimathlichen Lande noch bis dahin ſich erhalten können. Erſt wenn ſie ihren Dienſt vollſtändig geleiſtet hat, beſeitigt oder zerſchlägt der Mei⸗ ſter die Form; und das Volk der Juden ſollte eben jetzt der Menſchheit leiſten, wozu es von An⸗ fang an beſtimmt war. Bilden die Griechen den höchſten Höhepunkt des Lebens der Völker und Völkermaſſen, die von dem einen Pole des Menſchenlebens aus, von der Natur und dem Men⸗ ſchen ſelber, gleichſam von unten herauf, das Weſen des Menſchen zu erfaſſen ſuchten(Apoſtelgeſch. 14, 16), ſo waren die Juden dazu auserſehn, die Spitze des andern Theils der Menſchheit, der Völ⸗ ker und Völkermaſſen zu bilden, die vom andern Pole des Menſchenlebens aus, von Gott, gleich⸗ ſam von oben herab, den wahren Beruf des Menſchen zu erkennen und zu erfüllen ſtrebten. Einen heiligen, perſönlichen Gott hatte dieſes Volk von da an, wo es ein ſolches wurde, als den Schöpfer des Himmels und der Erde bekannt, der ein Menſchenpaar nach ſeinem Bilde geſchaffen und gemacht habe, daß von einem Blute aller Menſchen Geſchlechter auf dem ganzen Erdboden wohneten(1 Moſ. 1, 27. Apoſtelgeſch. 17, 26). Und hätten auch die Menſchen, hätten auch die Völker ihres Schöpfers und Herrn vergeſſen und ſich von ihm losgeriſſen, er, der allein Gewaltige, habe den Willen und die Macht, ſie ſich wieder unterthänig zu machen; und dieſe Unterthänigkeit herbeizuführen, dazu habe er ſeinen auserwählten Knecht, das Volk Israel beſtimmt, dem er ſeinen Willen kund gegeben habe durch ſein heiliges Geſetz. Der Glaube an einen perſönlichen, heiligen Gott, das ernſte Gefühl der Ver⸗ pflichtung, als ſein Geſchöpf und Ebenbild ſeinem heiligen Willen gehorſam zu ſein, das ſind tiefer greifende, weiter führende Elemente des wahren Menſchenweſens, als Griechenland ſie in aller Fülle und Schönheit, in aller reichen Entwicklung des äußern Lehens, in aller ſeiner Kunſt und Wiſſenſchaft, als Rom ſie in aller ſeiner äußern Macht und Herrlichkeit, ja in allem ſeinem Rechtsſinne und al⸗ ler ſeiner Staatskunſt haben konnte. Und dieſe Lebenselemente waren nicht etwa das Eigenthum nur einzelner bevorzugter Geiſter unter dem Volke der Hebräer, nein, ſie waren der höchſte Beſitz, der höchſte Stolz, das höchſte Gut des ganzen Volks, ſie bilden ſeinen Volkscharakter. Wurden ſie nur treu feſtgehalten, dieſe letzten und tiefſten Elemente alles wahrhaft Menſchlichen, ſo mußte end⸗ lich unter der erziehenden Macht des Lebens, unter der leitenden Hand Gottes, unter der befreienden ſchöpferiſchen Wirkſamkeit ſeines heiligen Geiſtes(Luc. 2, 25) ein Letztes, Höchſtes, Vollendetes für die ganze Menſchheit aus ihnen hervorgehn. Und mit unvertilgbarer Zähigkeit hielt das Volk Israel an dieſen Lebenselementen ſeſt. Der Glaube an die alleinige Berechtigung der Herrſchaft des einen, per⸗ ſönlichen, heiligen Gottes, des Schöpfers Himmels und der Erden, über alle Völker, und an die⸗Ver⸗ wirklichung dieſer Herrſchaft mittelſt ſeines Volkes Israel, dadurch, daß alle Heiden unter den Gehor⸗ ſam gegen ſein heiliges Geſetz gebeugt würden, war das Lebensprinzip dieſes Volks geworden, an dem es mit zwar oft geſtörter aber unzerſtörbarer Innigkeit hing, an dem es zertreten und faſt vernich⸗ ter ſich immer von Neuem aufrichtete; das der traurigſte Wechſel der äußern Geſchicke und das tiefſte Elend nur immer tiefer in ſein Herz hineinſenkte und dort barg und pflegte; das wenigſtens ſein beſ⸗ ſerer Theil, ſein»heiliger Reſte immer überirdiſcher und dann geiſtiger zu faſſen und auszubilden eben unter den zerſtörenden Schlägen, die das äußere Daſein dieſes Volkes trafen, faſt gezwungen war, bis der kam, in dem alle Gottesverheißungen Ja und Amen wurden, der über alle Ahnung weit hinaus alle Hoffnungen in überſchwenglicher, herrlichſter Wirklichkeit erfüllte.

Vierhundert Jahre lang hatte dieſes Volk, nachdem es Beſitz genommen hatte von dem Lande, das Gott den Vätern ſchon verheißen hatte, alles weltliche Königthum als unvereinbar mit ſeinem Le⸗ bensprinzipe, der Gottesherrſchaft, von ſich fern gehalten. Gott allein war ſein Herrſcher geweſen. Um ſich aber unter den Völkern der Erde zu erhalten, hatte es ſich dann mit dem menſchlichen Königthum