Aufsatz 
Nur das Christentum führt zu wahrer Humanität / vom ... Ballerstedt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

edeln Menſchenangeſichte am entſprechendſten veranſchaulicht geblieben;*) und tauchen auch wohl Ah⸗ nungen von einer weſentlichen Einheit aller Menſchen, die auch früher oder ſpäter verwirklicht werden würde, in Einzelnen auf, wie in Zeno, von dem Plutarch erzählt, daß er es als das Ziel der Menſch⸗ heit angeſehen habe: einſt würden alle Menſchen ſich als Volksgenoſſen und Mitbürger betrachten und durch ein gemeinſames Geſetz geleitet werden;*) und wie in Socrates, der ſich wohl einen Weltbür⸗ ger zu nennen liebte, ſo ſind dieſe Ahnungen doch nur Streiflichter von der nach völlig übzerwüllten Sonne, die erſt einem ſpätern Geſchlechte aufgehn ſollte.

Und die erſt einem ſpätern Geſchlechte aufgehn konnte. Denn das Leben ſelber ſchied die Menſchen, die Völker noch zu ſehr, da war es nicht möglich, den Gedanken einer weſentlichen Einheit Aller zu faſſen. Erſt mit dem Leben, der Wirklichkeit ſelber, kommt ja der Begriff, wenn auch der denkende Geiſt die kommende Wirllichkeit dunkel vorausahnt. Raumesweiten trennten noch zu ſehr die Völker; ſie kannten ſich kaum, und die ſich kannten, wie verſchieden waren ſie in Sitte und Leben! Ein Alexander ſollte erſt in gewaltigem, unerhörtem Eroberungszuge den Verſuch machen, die Völker einander näher zu rücken und den Orient mit dem Occidente zu verbinden. Und greift auch der Menſch mit ſeinen Planen der Gottheit vergebens vor; ſcheiterte auch Alexanders übermenſchlicher Verſuch, und zwar zum Glück des Occidents und zu Gunſten der Entwickelung der Menſchheit, ſo beutete doch ein Ariſtoteles das Leben des Orients in allen ſeinen Erſcheinungen mit Nichts verlierendem Scharfſinne und Tiefblicke für den Geſichtskreis und das geiſtige Leben des Occidents trefflich aus; ſo waren doch in Kleinaſien, Syrien, Aegypten die Stätten gewonnen, wo Orient und Occident mehr und mehr gei⸗ ſtig ſich zu einigen anfingen, und von wo aus dann bald das für alles Fremde empfänglichere Abend⸗ land über das weite römiſche Reich hin ihm mehr oder weniger fehlende Elemente des orientaliſchen Le⸗ bens und Geiſtes in ſich aufnahm.

Erſt Rom hat für die weitere Entwickelung des menſchlichen Geſchleches nach Gottes Rathſchluſſe gethan, was Alexander nach menſchlichem Plane hatte herbeiführen wollen: es brach die Schranken nie⸗ der, die den Fluß des Lebens zwiſchen den Völkern hemmten; es brach ſie nieder nicht ſowohl zu Gun⸗ ſten des theils ſtumpferen, theils roheren Orients, ſondern vielmehr zu Gunſten des theils geſchulteren und beweglicheren, theils lebensfriſcheren Occidents. Und ſtand auch der Römer an Fülle und Tiefe und Urſprünglichkeit des Lebens dem Griechen weit nach: ſein Geſichtskreis, und wenn auch nur ſein äußerer Geſichtskreis mußte unter den erweiterten, lichteren Verhältniſſen des allgemeinen äußern Lebens dennoch

nothwendig ein weiterer werden, als der des Griechen ſein konnte. Erſt der Römer konnte den Begriff ei⸗ nes in allen Menſchen weſentlich gleichen Menſchenthums faſſen und gab ihm ein Wort in humanitas.

Aber der volle beſtimmte Inhalt für dieſen Begriff konnte der Menſchheit nicht von Rom gege⸗ ben werden, das unter der Laſt ſeiner Macht und Herrlichkeit an That und Leben und Frieden immer ärmer wurde. Fähiger und williger, neue Lebenskräfte in ſich aufzunehmen, wurde allerdings die Römerwelt in dieſer Armuth, in dielen geiſtigen und ſittlichen Tode; aber wer konnte ihm dieſe neuen Lebenskräfte bieten?

Was vor den Menſchen klein iſt, das iſt oft groß vor Gott. Kaum beachtet von den mächtigen Völkern der Geſchichte, und wenn beachtet, doch gering geachtet und bei Gelegenheit mißhandelt, hatte

*) Martenſen's Chriſtliche Dogmatik S. 157. **) Vergl. Hundeshagen über die Natur und geſchichtliche Entwickelung der Humanitätsidee S. 20.