9
Meinung auch alle Unſittlichkeit im letzten Grunde nur auf dem Mangel an Erkenntniß beruht. Daß aber nicht alle Griechen wiſſenſchaftsfähig und beanlagt waren, Philoſophen zu werden, das lag klar vor Augen.— Ja, auch dem Rechte des Individuums tritt Plato in ſeiner Lehre vom Staate zu nahe; denn da die Idee das Allgemeine iſt, ſo will er den Einzelwillen im Staate gar nicht gelten laſſen und geht darin ſo weit, daß er keine Abſonderung des Eigenthums und des Familienlebens duldet, ſondern Güter-⸗ und Weibergemeinſchaft proclamirt, und daß er auch allen Unterſchied in den Geſchäften des Mannes und des Weibes aufhebt und Beide zu einerlei Art der Arbeit und Thätigkeit verpflichtet.—— und hat auch Ariſtoteles mit ſeiner Alles durchdringenden, ſtaunenswürdigen Denkkraft die Methode wahren, geſunden Denkens uns in einer Objectivität gezeigt, die nichts zu wünſchen übrig läßt, als daß ſie auch die unſere in vollem Maße ſein möchte, ſo iſt doch auch ſein Gott nicht der abſolute, perſönli⸗ che Geiſt, ſondern vielmehr nur das abſolute Denken. Und kann man dem Ariſtoteles auch keines⸗ wegs den Vorwurf machen, daß er die Materie unüberwunden durch den Geiſt(das Denken) neben dieſem ſtehn läßt, wie das bei Plato noch der Fall iſt, ſondern beſteht in dieſer Ueberwindung gerade der große Fortſchritt, den die Philoſophie durch Ariſtoteles über Plato hinaus macht, ſo hat man doch völ⸗ lig Recht, wenn man behauptet, auch dem Ariſtoteles iſt der Menſch noch nicht weſentlich freie Per⸗ ſönlichkeit. Er geſteht es wohl zu, daß auch das Individuum in ethiſcher Hinſicht vollkommen ſein könne, aber das Gute ſelbſt habe doch ſeine höchſte Verwirklichung nur im Staate. Kommt aber bei ſolcher Anſchauung das Individuum als freie Perſönlichkeit zu ſeinem vollen Rechte?— Im Gegen⸗ theil! denn während es als freie Perſönlichkeit ſeinen Begriff und ſeinen Zweck zugleich in ſich ſelbſt hat, hat es bei Ariſtoteles ſeinen Begriff und ſeinen Zweck nur außer ſich im Staate, in der Gemein⸗ ſchaft der Menſchen. 1.—
Nein, die Griechen haben weder den Menſchen als weſentlich freie Perſönlichkeit, noch die Menſch⸗ heit als eine Einheit weſentlich gleicher Geſchöpfe erkannt; in der Welt der Griechen iſt der Begriff der Humanität nicht geboren worden. Ihre Weiſen haben tief hineingeblickt in das Weſen des Menſchen, haben das Wahre, Gute, Schöne in wahrhaft muſtergültiger Form dargeſtellt; ihre Denker haben das Sein der Dinge tief durchdrungen, haben das Weſen des Denkens mit bewundernswerther Unbefan⸗ genheit belauſcht, aber für Humanität mit dem vollen Begriff, den wir damit verbinden, haben ſie nicht einmal ein Wort;z und das iſt wohl hervorzuheben: der Grieche hat nur Eigenſchaftswörter, die Menſchenwürdiges bedeuten. Sagt man aber, auch wir hätten ja kein uns eigenthümlich angehöriges Wort für Humanität, ſo iſt die Antwort: wir haben das entſprechendſte, bezeichnendſte, ein Wort, das uns auf den hiſtoriſchen Anfangspunkt wahren Menſchenthums in der Menſchheit hinweiſt und uns den vollendeten, wahren Menſchen zugleich anſchaulich vor die Seele hinſtellt: wir haben das Wort Chri— ſtenthum, geſalbtes, geweihetes, in Chriſtus erfülltes Menſchenthum.— Der Grieche hat kein Wort für Humanität, und in Wahrheit zeigt ſich auch im Leben des griechiſchen Volks weit weniger edel Menſchliches beſonders in ſittlicher Hinſicht, als man ihm nachzurühmen gewohnt iſt. Man fällt hier leicht in den Fehler, einmal: dem ganzen Volke beizulegen, was nur ein Beſitz beſonders tüchtiger Na⸗ turen und bevorzugter Geiſter unter dieſem Volke war; und dann: ſich durch die ſchöne Außenſeite des Lebens täuſchen zu laſſen und auch den innern Kern des Lebens derſelben für entſprechend zu halten. Stand das Leben des griechiſchen Volks aber wirklich ſittlich und geiſtig ſo hoch, wie konnte man dann einen Anaragoras, einen Ariſtoteles wegen Verachtung der Götter anklagen und verbannen, wie konnte man einen Socrates als Verächter der Götter und Verderber der Sitten zum Tode verurtheilen?— Das griechiſche Volk hat das Räthſel des Menſchenlebens nicht gelöſt; ſein Begriff des menſchlichen We⸗ ſens iſt vielmehr bis in die ſpäteſten Zeiten hinein durch die myſtiſche Sphinx, der Thiergeſtalt mit dem
2


