Aufsatz 
Nur das Christentum führt zu wahrer Humanität / vom ... Ballerstedt
Entstehung
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zugleich beſtimmteſte Ueberſetzung des lateiniſchen Worts humanitas ſein; und da ratio, Bewußtſein, Denken(womit wir aber unſern weit inhaltsvollern Begriff»Vernunft« nicht verbinden müſſen), das jenige iſt, wodurch der Menſch ſich vorzugsweiſe von dem Thiere unterſcheidet, ſo würde der Begriff humanitas folgende drei Momente wenigſtens andeutungsweiſe in ſich faſſen: 1) die Anerkennung, daß allen Menſchen als ſolchen weſentlich etwas Gleiches zukomme, was ihnen eben ihren eigenthümlichen Charakter als Menſchen giebt; 2) die Erkenntniß, daß dieſes eigenthümlich Menſchliche uns einen Vor zug vor allen andern mit uns lebenden Weſen verleihe und uns hoch über ſie ſtelle, indem es uns fähig macht, das Leben mit Bewußtſein aufzufaſſen; 3) das Gefühl der Verpflichtung des Menſchen, alles wahrhaft Menſchliche in ſich zu verwirklichen beſonders durch Aufnahme und Förderung der ganzen Bildung der Zeit. An das erſte dieſer Momente knüpft ſich dann die Bedeutung: Menſchengeſchlecht, Menſchengeſellſchaft, Menſchenliebe, Menſchenfreundlichkeit, Leutſeligkeit u. ſ. w.; an das zweite: Men ſchenwürdigkeit, bewußtes Sein und Sichverhalten, Feinheit im Benehmen u. ſ. w.; an das dritte: Bildung, Beſitz von möglichſt vielen Kenntniſſen und Fertigkeiten u. ſ. w. In dem allgemeinen Be⸗ griff»Menſchenwürdigkeit, bewußtes Sein und Sichverhalten« finden alle dieſe Bedeutungen ihren Mittelpunkt, und von dieſem Mittelpunkt aus geht zugleich die eine leicht in die andere über. Der Begriff des römiſchen humanitas würde alſo der ſein: Das Streben des Menſchen, ſeiner wahren Natur ent ſprechend, d. h. als ein bewußtes, denkendes Weſen zu ſein und ſich zu verhalten gegen die Menſchen als Weſen gleicher, edelſter und höchſter Gattung der Geſchöpfe.

Wenn wir nun anerkennen müſſen, daß der Begriff dieſer römiſchen humanitas ſchon Alles keim artig enthalte, und daß in humanitas wenigſtens Alles hineingelegt werden könne, was zum wahren, vollendeten Weſen und Verhalten des Menſchen nach unſerer Anſchauung gehört, und was die edelſte Humanität und das ſchönſte Menſchenthum nach unſerem Begriffe iſt, ſo müſſen wir doch auch zu⸗ gleich darauf aufmerkſam machen, daß der Begriff der humanitas ein noch völlig abſtracter, ſeines vol⸗ len Inhalts und damit ſeiner ſcharfen Beſtimmtheit gar ſehr entbehrender iſt, und daß Geiſt und Sitte der römiſchen Welt weit davon entfernt ſind, ihm ſeinen vollen, beſtimmten Inhalt auch nur theoretiſch geben zu können. Völlig abſtract iſt nämlich der Begriff humanitas, weil es ganz unbeſtimmt ge⸗ laſſen wird, worin denn nun das wahre Weſen des Menſchen beſtehe; was denn ein wahrhaft vernunft mäßiges Verhalten des Menſchen gegen den Menſchen ſei. Und wir dürfen uns darüber nicht wundern, daß dieſer in der Römerwelt nicht ſowohl zuerſt auftauchende, aber ſich doch zuerſt in einem Worte fixirende Begriff von einem weſentlich Gleichen, Höchſten, in allen Menſchen fürerſt noch völlig un beſtimmt blieb. Wie es nämlich in der Natur aller Begriffe liegt, daß ſie in ihrer anfänglichen Ge⸗ ſtaltung nur in ihren allgemeinſten, noch mehr oder weniger unbeſtimmten Zügen und Umriſſen in uns entſtehn, und erſt ein näheres und dauernderes Eingehn auf ihr Object ſie vervollſtändigt und ſchärfer beſtimmt, ſo iſt es beſonders den Begriffen eigen, deren Object nicht Einzelnendliches, ſondern Allge⸗ meinewiges iſt, wie»Gott«,»Vernunft« u. ſ. w., mit einem Worte: ſo iſt es beſonders den Ideen eigen, zu denen auch»Menſchenthume gehört, zu ihrer Zeit, d. h. wenn ihr ſchöpferiſches Entſtehen in uns durch Einwirkung des äußern und Entfaltung unſeres innern Lebens gehörig vorbereitet iſt, zuerſt nur in allgemeinen Umriſſen unſer Eigenthum zu werden, deren Ausfüllung und Faſſung dann der weiteren Entwickelung des Lebens überlaſſen iſt.

Unſer Wort Humanität nun, das erſt mit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in all⸗ gemeineren Gebrauch kam, dann aber auch bald in Aller Munde war, ſchließt ſich nicht blos nach ſei⸗ ner ſprachlichen Form, ſondern auch nach dem mit ihm verbundenen Begriffe auf das Engſte an das alte humanitas an, zu dem ihm allerdings vornehmlich der Begriff an ſich, dann aber beſtimmter die