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bete, nachdem man geopfert und das Mahl gefeiert, schliefen die Jünglinge ein in dem Tempel und standen nimmer wieder auf, sondern das war ihres Lebens Ende. Die Argeier aber errichteten ihnen Bildsäulen, und brachten die- selben als Weihegeschenk gen Delph;, weil sie so gute Menschen gewesen.-
Dieses berühmte Brüderpaar, so zweifle ich nicht, stellt unsere Gruppe dar. Der Künst- ler hat den Moment aufgefasst, in dem das Gebet der Mutter sich zu erfüllen beginnt, und die Göttin jenen heiligen Schlummer über die Jünglinge ausgiesst, der ihnen in der That ein somnus aeternalis wurde. Diesen Zustand des beginnenden ewigen Schlafes, das sanfte, und durch die trauliche Umarmung so schön ausgedrückte, gleiche Todesge- schick, das zufriedene, selige Selbstbewusstsein, welches sich in ihren Zügen spiegelt, hat der Bildner der Gruppe herrlich zur Anschauung gebracht. Die Fackeln er- scheinen hierbei in ihrer gewöhnlichen symbolischen Bedeutung als Lebensflammen, die wie das Leben der Brüder, am Altare der Göttin erlöschen. Den herannahenden Todes- schlaf aber konnte der Künstler unmöglich schöner und treffender bezeichnen, als durch die allmäliche Senkung der zweiten Fackel, welche von dem schmalen Theile der Schulter über den Arm herabzugleiten scheint. Auch das Problem, dass in den Händen Eines Jüng- lings beide Lebensfackeln vereinigt sind, welches die grösste antiquarische Gelehrsamkeit wohl niemals befriedigend zu lösen im Stande sein wird, erklärt sich, wie mich dünkt, aus künstlerischen Motiven wie von selbst. Denn bei der schönen sanft geneigten Stellung, und der traulichen Umarmung, deren Darstellung der Künstler nicht entbehren konnte, würde jede andere gesenkte Richtung der zweiten Fackel, man möge sie sich in der freien Hand des einen oder andern Jünglings denken, wie man wolle, einen hässlichen Parallelismus, eine ge- waltsam angestrengte Haltung oder ein schlaffes Herabhangen herbeigeführt haben. Dass die Brüder stehend und mit offenenAugen dem Todesschlafe entgegen harren, bedarf für Den, welcher die Art und Weise solcher Bezeichnungen in den Kunstwerken der Alten kennt, besonders nach Wel- ckers trefflichen Bemerkungen(p. 387), keiner weiteren Erklärung. Wer mit ängstlicher Gewissen- haftigkeit an denLorbeerkränzen darumAnstoss nehmen wollte, weil man bei den Festen der argivischen Here sich eines Krautes, Asterion ¹⁸), zu Kränzen bediente, dessen Blätter möglicher Weise gar keine Aehnlichkeit mit Lorbeer haben, der möge, ausser andern nahe liegenden Gründen, unter den Kampfspielen, in welchen nach Herodot die Jünglinge den Preiss davon getragen ¹³), die pythischen verstehen; denn bei diesen war der Siegespreiss ein Lorbeerkranz, welchen die Sieger fortan als höchsten Ehrenschmuck bei allen öffentlichen Festen zu tragen pflegten. Ausser den von Herodot angeführten, von den Argivern nach Delphi geschenkten Statuen,
15) Pausan. II, 17, 2. ¹6) Biton hatte sogar als solcher eine zweite Statue in dem Tempel des lycischen Apollo in Argos, in welcher er, einen Stier auf den Schultern tragend, abgebildet war. Paus. II, p. 153.


