Aufsatz 
Die Gruppe von San Ildefonso / von Bogler
Entstehung
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rung jenes uralte Heräum bei Argos, ¹²),aus welchem die Grlechen das berühmte Gottesurtheil zurückbrachten, wie es dem Menschen besser sei zu sterben als zu leben«; und dieser Tempel war es, in welchem bei einem Feste der Tod in der lieblichen Gestalt jenes Euphemismus, mit dem ihn die Griechen so gerne bezeichneten, in dem Schlafe, als Belohnung einem edeln Jünglingspaare nahte, das sich durch die schönste That kindlicher Liebe dieser Huld der Göttin würdig gemacht hatte.

Es kann wohl Niemanden zweifelhaft sein, dass ich die berühmte Sage ¹⁸) von dem Argivischen Brüderpaare Kleobis und Biton meine, welchen bereits Solon die zweite Stufe der menschlichen Glückseligkeit einräumte, deren Tugend und Geschick eine unerschöpfliche Fundgrube für die Darstellungen der Dichter, Künstler und Philosophen das ganze Alterthum hindurch war ¹²).

»Kleobis und Biton,« so erzählt Herodot I, 31, hatten, so viel sie bedurften, und dazu besassen sie eine grosse Leibesstärke, so dass beide zugleich den Kampfpreis davon getragen. Und dann erzählt man von ihnen folgende Geschichte: Die Argeier feier- ten das Fest der Here, und die Mutter der Jünglinge musste durchaus nach dem Tempel fahren, aber die Rinder kamen nicht zu rechter Zeit von dem Felde. Als nun keine Zeit zu verlieren war, spannten sich die beiden Jünglinge selber vor und zogen den Wagen und auf dem Wagen sass ihre Mutter. So fuhren sie dieselbige einen Weg von 45 Stadien bis zu dem Tempel. Also thaten sie, und die ganze Versammlung war Zeuge ihrer That. Da erlang- ten sie das beste Lebensende, und es zeigte Gott dadurch an, dass dem Menschen besser sei zu sterben, denn zu leben. Denn die Argeier, so umherstanden, priesen der Jünglinge Gesin- nung; die Argeierinnen hingegen priesen die Mutter selig, dass ihr solche Kinder zu Theil worden. Aber die Mutter voll inniger Freude über die That und die Worte, trat vor das Bild der Göttin und betete, dass sie dem Kleobis und dem Biton, ihren Kindern, die ihr so grosse Ehre erwiesen, zu Theil werden liesse den besten menschlichen Segen. Und nach diesem Ge-

) Vgl. C. 0O. Müller, Dorier 1, 395. E. Curtius Peloponnes, II, 396 fl. 569. Nach dem Brande des alten Tempels(01. 89, 1), der auf dem Gipfel des Euboischen Berges zwischen Argos und Mykenä lag, wurde durch Eupolemos das neue Heraeum auf der unteren Terasse desselben gebaut, in welchem die Here aus Gold und Elfenbein mit dem Scepter und Granatapfel, Polyklets Meisterwerk, thronte. Neben ihr stand auf einer Säule ein älteres Herabild, wahrscheinlich das Kultbild des oberen Tem- pels; auch bewahrte man hier das älteste Schnitzbild dieser Göttin aus Birnbaumholz.

¹3) O lGy sol ie Aoyelas leoelas, wie inn Sextus nennt.

14) Cicero, der in den Tuscul. I, 47, noch zu seiner Zeit diese sage notam fab ulam nennt, erzählt sie mit dem Beisatze: Juvenes, veste posita corpora oleo perunxerunt, ad jugum accesserunt. Bähr zum Herodot I, 31 und Fischer zu Aeschines Axiochus c. 10, p. 136 geben ein sorgfältiges Verzeichniss der zahlreichenstellen, welche diese Geschichte bis in die späteste Kaiserzeit erwähnen. Vgl. Böttigers Kunstmythologie II, p. 282. Creuzer's Symbolik III, 246. Jacobs ad Antholog. Palat. XIII, 637. Raoul Rochette peintures chez les Grecs p. 142 und 162 ff.