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kränzung der Todes-Genien dürfte für die römische Sitte kaum zu rechtfertigen sein; denn ein Bekränzen des Leichnams, in Griechenland sehr gewöhnlich, fand in Rom wenigstens in der Regel nicht statt ¹⁸). Eben so steht der Altar und die zweite Fackel nur in einem möglichen, keinem nothwendigen Zusammenhang ¹⁷). Eine Handlung und Bewegung wüäre aber dieses Anzünden gewiss eben so gut, als das von Welcker getadelte Geleiten; und dass die Stellung und Haltung des Gefährten besser zu dieser frommen Verrichtung als zu einem Opfer passe, möchte ich bezweifeln.
IV.
»Die Geschichte keines andern alten Denkmals,« sagt Rumohr,"ist lehrreicher und ge- eigneter zu zeigen, dass die künstlerische Seite des classischen Alterthums nur künstlerisch erkannt werden mag.«»Keine Art der Kritik,« fügt Welcker bei,'sie möge Kunst und Poesie, Phflosophie oder Geschichte berühren, sollte von der Erkenntniss und Empfindung eigenthümlicher Natur und Geistes in len Gegenständen verlassen sein.-
Dieser vortreffliche Grundsatz scheint von den meisten Erklärern unserer Gruppe nicht in dem Mase in Anwendung gebracht worden sein, wie er es verdient hätte; insbesondere ist eine Frage unerörtert geblieben, die nämlich, an welchem Orte befindlich der Künstler die Jünglinge wohl dargestellt habe, an deren Beantwortung sich fast wie von selbst alle Umstände zu einer historischen Deutung der Gruppe auf einfache und na- türliche Weise anreihen lassen. Diese Oertlichkeit, welche die alten Bilduer sonst nur selten und nur leise anzudeuten pflegten, ist bei unserer Gruppe sehr bestimmt ausgesprochen durch den Altar und das Götterbild. Beides sind die wichtigsten, ja fast die einzigen Ge- genstände, die das Innere des Tempelhauses birgt; darum die charakteristischsten und zu- mal für den statuarischen Künstler fast einzig möglichen Bezeichnungen des inneren Tem- pelraumes. Noch bestimmter und schärfer wird dieser durch den hieratischen Stil des Götteridols bezeichnet, der in ihm einen Gegenstand der Verehrung, ein wirkliches Cultus- bild erkennen lässt. Die Bekränzung des Altars und der Jünglinge deutet auf ein Fest dieser. Göttin. Die Göttin selbst ist an dem Attribute des Granatapfels, jener mystischen Frucht, die bei den Hochzeiten eine so grosse Rolle spielte ¹), und dem eben so sinnbildlichen Kala-
16)„Etwas, anderes war es, wenn der verstorbene sich im Leben durch seine verdienste einen Ehren- kranz erworben hatte.“ Beckers Gallus II, 276. 3
¹7)„Wahrscheinlich“— sagt Welcker—„war es wirklicher Gebrauch die Leichenfackel an der Flamme eines Altars anzuzünden, aber vermuthlich bediente man sich nur Einer, der symbolischen Figur durften zwei gegeben werden, so gut wie der Artemis und Demeter, die Handlung spricht sich da- durch noch bestimmter und vollständiger aus.“ A. a. O. p. 378.
¹1) Böttiger, Kunstmythologie II, p. 249 fl.


