Aufsatz 
Die Gruppe von San Ildefonso / von Bogler
Entstehung
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behauptete Einheit der Formen und Arbeit lässt sich also nach dem Angeführten in keiner Weise rechtfertigen, zumal nicht, wenn man eine gewisse Glätte und Gelecktheit sowie die weiche reizvolle Behandlung des Gesichtes berücksichtigt, wodurch dieses eine fast malerische Wirkung hervorbringt, gerade wie wir sie an manchen Werken bBernini's(1598 1680) und Algardi's (1602 54) wahrnehmen, die aber durchaus nicht mit der strengeren herberen Gesichts- form des unzweifelhaft antiken Fackeljünglings übereinstimmt. Auch Rumohr's Zweifel an der anatomischen Richtigkeit der Verbindung des Kopfes mit dem Rumpfe, der, nach der Lage der Schultern und dem Ansatze des Halses und linken Arms zu urtheilen, mehr herauf und etwas links gewendet sein müsse, können die Meinung, dass der Kopf moderne Arbeit, demnach kein Antinousportrait sei, nur bestärken.

Aber auch die Erklärung dieser Gruppe als Gottheiten des Schlafes und Todes, wie sie Lessing, Welcker und Gerhard geben, hat mindestens in der Deutung des Einzelnen noch Manches, was zweifelhaft oder gesucht und unnatürlich erscheint. Lessing hat in seiner erwähnten Abhandlung, wie Gerhard, die Fackeln des Jünglings als Lebensfackeln genommen:»die in der Rechten,« sagt er,»ist er bereit, auf dem zwischen ihnen stehenden Altare auszudrücken, indem er die andere in der Linken bis über die Schulter zurückführet, um sie mit Gewalt auszuschlagen.« Woran er diese Absicht erkenne, lässt er jedoch unerwühnt, und wir bemühen uns umsonst in der Muskulatur und Stellung des Körpers die zuriückge- beugte, aufgestemmte Haltung oder die angestrafften Armmuskeln zu finden, mit welcher eine so gewaltsame Bewegung begleitet zu sein pflegt. Warum die Jünglinge, warum der Altar bekränzt seien, warum die Fackel auf demselben ausgelöscht werde, darüber suchen wir ver- geblich in seiner nur gelegentlich vorgebrachten Ansicht, die er übrigens ja selbst als einen blossen Vorschlag bezeichnet, eine Aufklärung.

Welcker kommt zu demselben Resultate aber auf anderem Wege. Von dem kleinen Götteridol ausgehend, das er nach seinen Symbolen für die Persephone hält*), erkennt er sofort in der Fackelfigur einen Diener der unterirdischen Göttin, eine Behauptung, welche die erst zu begründende Annahme, dass der Fackeljüngling Genius des Scheiterhaufens sei, bereits als erwiesen vorauszusetzen scheint. Indem ihn aber Welcker für den Genius des Scheiterhaufens erklärt, betrachtet er die Gruppe mehr von dem Standpunkt etruskisch- römischer als griechischer Anschauung; dem nur bei den Römern galt der Begriff Genius in jener unendlichen Ausdehnung als einer Gottheit, die jedes beliebige Ding ¹⁰), Alles Geschaffene von seinem Ursprung bis zu seinem Untergange wie ein zweites geistiges Ich

*) Bei dem Relief des Apollotempels in Bassae erscheint ein ganz ühnliches Götterbild mit denselben Attributen als die Hochzeitsgöttin Here. Stahr Torso I, p. 265. C. 0. Müller H. d. A. d. K.§. 69. ¹⁰) Servius ad Virgil. Georg. 1, 302: Genium dicebant antiqui naturalem Deum unius cujusque loci vel rei aut hominis. 12¹ 1 2*