Aufsatz 
Die Gruppe von San Ildefonso / von Bogler
Entstehung
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ten gleichfalls gesenkten, nicht erhobenen Fackel kaum auf eine Lebensfackel etwa die des Hadrian bezogen werden,»denn diese müsste nothwendig gerade empor gehalten sein, wie viele Beispiele zeigen ³).« In dem bekränzten Altar und dem räthselhaften Götteridol wird ein nothwendiger, innerer Zusammenhang nur bei der Annahme einer Todes- weihe des Antinous erkannt werden können, zu der übrigens die Stellung eben so unpas- send sein möchte, wie zu einem Opfer oder jeder andern religiösen Verrichtung. Ein Gelei- ten in die Unterwelt, sowie jede Bewegung und Handlung ist nach Welcker's trefflicher Bemerkung weder durch die Stellung noch eine Geberde motivirt; und»auf nichts haben bei allen besseren Werken Urtheil und Forschung strenger zu achten, sowie sie gerade in Nichts öfter, auffallender und gröblicher geirrt haben, als auf Bewegungen und Geberden, in welche die Bedeutung gelegt ist; keine Erklärung kann richtig sein, welche in diesen etwas Willkürliches, Unbestimmtes, Widersprechendes oder Wunderliches zurücklässt.«

Aber nicht unerhebliche Bedenken machen sich auch überhaupt gegen die Originalität des vermeintlichen Antinouskopfes geltend. Zwar ist in dem oben angeführten Schreiben behauptet, der Kopf sei das unzweifelhafte Original, das beweise die Einheit der Formen und Arbeit sowie die Uebereinstimmung des Marmors. Aber nicht nur Zoëga, sondern auch der berühmte Archäologe und Kunstkenner Quatremère de Quincy, der die Gruppe selbst nach dem Abguss in Thon abgebildet, hielten den Kopf für modern und erkannten verschiedenen Stil in den Figuren; auch Levezow u. A. glauben, dass er wenigstens nach einem Antinous- kopfe restaurirt sei. Und eine solche Ueberarbeitung des antiken Kopfes, wobei der Gesichts- umfang verkleinert wurde, sollte man auf den ersten Anblick darum für wahrscheinlich halten, weil das Gesicht sowohl im Verhältniss zu dem eignen Körper als zu dem Kopfe des Gefährten etwas zu klein erscheint, was auch genauere Messungen und Vergleichungen ergeben. Da es sich aber bei einem und demselben Werke von einem und demselben Mei- ster wohl annehmen lässt, dass in Behandlung der Haare und Kränze als unwesent- licherer Nebentheile bei beiden Figuren ursprünglich vollständige Uebereinstimmung geherrscht habe, so ist kaum zu begreifen, wie die Haartracht, selbst die Möglichkeit einer Ver- kleinerung des Gesichtsumfangs angenommen, bis zu dem Grade erhöht oder in den Nacken herabgearbeitet werden konnte, wie es das hergebrachte Antinousportrait erforderte. Leider ist in der Beschreibung des Originals nicht angegeben, wo und wie viel an den Haaren re- staurirt worden sei, wodurch sich manche Zweifel wohl leichter lösen würden. Auf das ungleichmässige Aufsitzen der Kränze ist schon oben hingewiesen, und wie trüglich das Cri- terium des Marmors und die darauf gebauten Folgerungen seien, geht aus den vortrefflichen Bemerkungen Stahrs im Torso I, p. 58 hervor, auf die wir später zurückkommen. Die

8) Zoëga Bassir. tav. 93, p. 214. Welcker p. 375.