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jenen Liebling des Kaisers Hadrian, welcher in den Fluthen des Nil einen mysteriösen Tod fand ²), so sehen wir diese von der Annahme ausgehen, dass der Kopf der Statue das ursprüngliche Original sei*). Aber selbst angenommen der Kopf, von dem wir oben hörten, dass er auf den Hals wieder angesetzt worden, wäre original, so lässt doch sowohl die behaup- tete Aehnlichkeit, als auch die untergelegte Deutung manchen Zweifel zu. Zwar ist nicht zu läugnen, dass das Antinousporträit den schwermüthigen Ausdruck, den oben breiten, spitz sich abrundenden Schädel, den gradgezogenen Superciliarbogen, die tief liegenden, sehnsüchtig schmach- tenden Augen und die characteristische, in den Nacken hinabreichende Haartracht mit diesem Kopfe gemein habe ⁴):— denn die restaurirte Nase lässt nach keiner Seite hin eine Folgerung zu— aber es stehen doch auch nicht minder die aufgeworfenen Lippen, die eigenthümliche Rundung und Fülle der Wangen, das volle runde Kinn des Antinousportrait's im Widerspruche mit unserm Kopfe, dessen knabenhafte Züge wohl am wenigsten bei einer Darstellung des Todes des Heros-Antinous an ihrem Orte wären. Auch der Lorbeerkranz, der sich nur bei Einer Büste ⁵) unter der grossen Menge der erhaltenen Antinousdenkmäler findet, wäre zumal nach seinem aufopfernden Tode im Nile unpassend; an seiner Stelle musste man aus mehr als aus Einem Grunde den Lotoskranz, den er sonst so häufig trägt, und den daher Visconti auch hier zu erken- nen glaubte, erwarten. Aber der Kranz unsrer Figur ist durchaus gleichförmig mit dem des Fackeljünglings gestaltet, und es sind die Lotoskelche, welche in dem Blumenkranz des grossen Reliefs des Antinous der Villa Albani vorkommen, nicht schwer von den Lorbeerblät- tern zu unterscheiden*). Jedoch auch die übrigen Körperformen lassen sich kaum mit denen des Antinous in Einklang bringen. So oft dieser nämlich sich auch in dem Charakter des Hermes oder in der weichlicheren, üppigeren Gestalt des Bacchus aus Gründen, deren Erörterung hier über- flüssig ist, dargestellt findet, so erscheint er doch nur Einmal*) in der schlanken, männlich kräftigeren des Apollo; dass aber der Körper des Schlafjünglings durchaus dem des Apollo Sauroktonos ähnlich sei, ist bereits oben erwähnt. Aber auch die Composition würde nach dieser Ansicht noch manches Unerklärliche bieten. Die Figur mit den Fackeln hat weder ein Attribut des Hermes, noch irgend einer andern Gottheit oder eines Dämons; im Gegentheil lässt die gleiche Gestaltung, die gleiche Bekränzung sowie die trauliche Umarmung auf gleiche Wesen und gleiches Geschick schliessen. Es kann aber auch die Richtung der zwei-
2) v. Levezow, Antinous p. 10. ff.
³) Nach dieser Annahme würde die Verfertigung der Statue in die Zeit von dem Tode des Antinous 122 n. Ch. bis zu dem des Hadrian, 138 n. Ch. fallen.
2) Vgl. die Abbildung Taf. II.
5) Im Museum des Capitol, Levezow, p. 29.
⁶) Vgl. die Abbildung. Taf. II, No. 4.
7) C. 0. Müller H. d. A. d. K.§. 203, 5.


