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Bewegung, ⸗man möge denken, welche man wolle,⸗ ausgesprochen, wohl aber scheint der Ausdruck der sanftesten Ruhe, ja der Müdigkeit, des beginnenden Schlummers, oder mindestens der jener stillen sinnigen Träumerei, jenes selbstvergessenen Versunkenseins, das dem Schlafe vorausgeht und in ihn überleitet, in ihr ausgeprägt.
II.
Wären die Kunstgelehrten eben so einig über die Bedeutung dieser Gruppe, als sie es über ihren Kunstwerth sind, so möchte sich kaum Eine widersprechende Meinung geltend gemacht haben. Aber»mehr als vor irgend einer Statue befanden besonnene Erklärer vor diesem Werke sich seit langer Zeit in Verlegenheit, und es vermehrte die einnehmende Schönheit der Gestalten die Ungeduld nach einem befriedigenden Verständniss ¹)« Perrier ²)(1637) hielt sie für die Decier, die sich dem Tode für's Vaterland weihen; del Torre für Genien der Natur, der Isis opfernd; Maffei für Lucifer und Hesperus. Zu Winckelmann's Zeit war die Bezeichnung Castor und Pollux gewöhnlich. Dieser selbst ³) glaubte,»dass in diesem Grupo die Freundschaft des Orestes und Pylades und zugleich der Anfang der Elektra des Euripides vorgestellet sei. Die beiden Jünglinge«, sagt er,»scheinen im Begriffe zu sein, den traurigen Vorsatz auszuführen, die Mutter des Orestes, Klytämnestra und ihren Buhlen Aegisthus umzubringen und so die Ermordung des Agamemnon zu rächen, auf dessen Grabe sie, nach Art der Opfernden umkränzt, ein Stück Vieh nebst angezündetem Holze opfern(!?). Dieses Grab scheinet durch den kleinen niedrigen Altar angedeutet zu sein, weleher gerade so wie diejenigen gestaltet ist, die man auf die Grabhügel der Verstorbenen zu setzen pflegte. Das Vorhaben, mit welchem sie umgehen, scheint durch die Fackel ausgedrückt zu sein, welche meiner Voraussetzung zufolge Orestes auf der Schulter in die Höhe gerichtet hält, gleichsam als wenn er einen Schlag damit geben und anzelgen wollte, dass er die heilige Verrichtung vergessen habe und das, was er in die Höhe hebet, um damit zu schlagen, ein Gewehr und keine Fackel sei. Zu dieser vorhabenden Rache schicket sich auch der etwas niederhängende Kopf der andern Figur, indem man darin ein tiefes Nachdenken, das mit einem wichtigen Un- ternehmen beschäftigt ist, wahrnimmt; und daher drücket ihre Stellung mehr den Affect der Freundschaft als die Aufmerksamkeit auf das Opfer aus. Die weibliche Figur stellet wahrscheinlich Elektra, des Orestes Schwester vor, mit einem Ge- fässe voll Wasser auf dem Kopfe, um ihren damaligen Stand anzudeuten, da der Buhle ihrer
¹1) Vergl. Welekers vortreffliche Abhandlung über die Gruppe von San Ildefonso in dessen Denkmä- lern Th. I, p. 375 ff.
²) Ebendas. p. 385. Lessing:„Wie die Alten den Tod gebildet,“ sämmtl. Schriften. Berlin 1839. VIII, p. 235. Rumohr: über die antike Gruppe Castor und Pollux. Hamburg 1812.
3) Vorrede zu den Denkmalen der Kunst des Alterthums.


