Aufsatz 
Die Gruppe von San Ildefonso / von Bogler
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

mit dem des Apollo Sauroktonos, dessen Bild dem Künstler vorgeschwebt zu haben scheint. Die täuschende Nachbildung der Natur in den leisen Uebergängen und Verbindungen der Flächen und fleischigen Theile, die hinreissende Wahrheit der feinen Abstufungen von Licht und Schat- ten, die Rundung und Fülle der Musculatur lässt die Oberfläche der Haut fast wie weich und elastisch erscheinen. In der(restaurirten) rechten Hand hält die Figur eine Schale. Der Kopf ist von grosser Vollendung und wahrhaft idealer Schönheit, aber wie eine genauere Untersuchung und Vergleichung lehrt, wahrscheinlich neuere Arbeit. Das sinnend niedergesenkte Antlitz, in dessen unendlich sanftem melancholischem Ausdruck das Bild der durch keine Leidenschaft getrübten Unschuld, eine gewisse Verschämtheit ausgeprägt ist, hat etwas Knabenhaftes, das mit den ausgebildeten Körperformen des Jünglings im Widerspruche steht. Von dem breiteren Ober- kopfe, der nach allen Seiten die unteren Partien überragt, rundet sich das Gesicht nach dem Kinne hin spitz ab. Die Nase mit sehr dinnem, schmalem Nasenbein und Flügeln schmiegt sich in ächt griechischer Form unmittelbar der Stirne an. Die tiefliegenden Augen, von äus- serst feinen, etwas in die Länge gezogenen Augenliedern umrandet, zeigen in der star- ken Rundung- der Augäpfel jenes schmachtend Sehnsuchtsvolle(dyodv) der Venus. Der feine, langgezogene Superciliarbogen bildet eine fast gerade Linie, und verleiht dadurch, so- wie auch durch den eigenthümlichen, an der rechten Braue auffallender bemerklichen stum- pfen Winkel dem Kopfe eine gewisse Aehnlichkeit mit dem des Antinous. Aber die Pro- portion und Zeichnung anderer Gesichtstheile, besonders des scharf geschnittenen, zierlich feinen, in sehr geringem Abstand von der Nase entfernten Mundes, des mehr spitzen als runden Kinn's, der mehr schmalen als vollen Wangen, erinnert ebenso sehr an den Eros des Va- tican, mit dessen Zügen auch der melancholische und knabenhafte Ausdruck übereinstimmt ²). Die Haare, in deren Behandlung eine grosse Verschiedenheit zwischen beiden Figuren stattfindet, bedecken gerade wie bei den Antinousköpfen in gleichen, starken jedoch wenig gelockten Partien, fast perrückenartig bis tief in den Nacken hinabreichend, die Ohren und den Kopf, von dessen Grundfläche sie an manchen Stellen bis zu 1 ½ Zoll abstehen. Der Lorbeerkranz schliesst sich auf der imneren Seite fast ohne Erhöhung an die Haare an, über die er auf der äusseren Seite sich beinahe zollhoch erhebt.

Der zweite Jüngling, weniger schlank und den Hermesgestalten ähnlich, zeigt in den Verhältnissen und der Behandlung der Körperformen eine gewisse Uebereinstimmung mit der ersten Figur. Das Gewicht des mit der rechten Seite etwas nach vorn gewendeten Körpers ruht auf dem rechten Bein, während das linke zurückgezogen ist. Die vollständig ausgebildeten, nicht ganz so jugendlichen Glieder bieten wegen der geraden, aufrechten Stel- lung nicht jene lebendige Muskulatur, die reizende Abwechslung von Schatten und Licht auf der Oberfläche; besonders aber erscheint der fast quadratartig geschnittene Leib nur wenig,

4

2) Vergl. Stahr, Torso I, p. 359. Abbildung: Taf. II.