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schichte haben die mannigfaltigsten und fruchtbarsten Bèziehungen zu den musikalischen Verhältnissen der Vergangenheit und Gegenwart. Wie anregend es für den Unterricht in: diesen Fächern ist, unmittelbare Zeugnisse des Culturzustandes früherer Zeiten in leben- diger Farbenfrische vorzuführen, den Schülern durch den Vortrag altchristlicher Hymnen, Kirchenlieder, Gesänge der Troubadours, Minnesänger, historischer Volkslieder etc., Leben und Kunst vergangener Perioden zu vergegenwärtigen, wie es etwa auch durch Abbildun- gen für das Auge geschieht, bedarf keiner Auseinandersetzung. Selbst die poetische Lec- türe der alten Klassiker kann vielfach belebt“werden durch Chorgesänge sophokle- ischer und euripideischer Tragödien, horazischer Oden ¹) u. s. W. Auch mit den Turnübungen ist der Gesang durch Sitte und Herkommen, so wie durch die Natur der Sache längst unzertrennlich verbunden. Unentbehrlich ist er überhaupt für die ganze äussere Gestaltung des Schullebens. Durch Nichts wird die jugendliche Frische, der hei- tere Sinn der Jugend so lebendig erhalten als durch Gesang, der, nach der geistigen An- strengung des Tages eine Erholung, und neben den wissenschaftlichen Beschäftigungen eine willkommene Abwechslung ist. Wie die Musik eine Hauptträgerin und Vermittlerin der Freuden und Leiden des Einzelnen und der Gesellschaft ist, so ist sie auch theil- nehmende Begleiterin aller Wechselfälle, welche den engen Kreis des Schullebens betreffen. Sie erhebt in den Stunden religiöser Weihe das Gemüth zur Andacht, sie weckt in den ernsten Momenten der Trauer am Grabe eines Lehrers oder Mitschülers stille Wehmuth, sie ruft den abgehenden Schülern und Lehrern das letzte Lebewohl zu, aber sie verleiht auch den Freudenfesten die rechte Weihe und Stimmung. Je häufiger und mannigfaltiger ihre Anwendung bei Schulconcerten, Redeacten, Ausflügen und Spaziergängen ist, desto mehr wird die Lust und der Eifer bei den Schülern dazu angeregt. Die Veranlassung zur Aufführung der einstudirten Chorgesänge und Musikstücke muss vielfältig von Aussen gegeben werden, das ist für das Gedeihen des Musiklebens unerlässlich.
Die Schule soll aber durch die Musik auch für die Musik erziehen, und damit den Forderungen, welche die Gegenwart in diesem Kunstzweige an den Gebildeten stellt, Rech- nung tragen. Denn in unsrer Zeit ist die Musik die allmächtige Herrscherin im Gebiete der Kunst. Sie hat, seitdem sie nicht mehr Dienerin der Kirche allein ist, in unserm gesammten Culturleben so kolossale Dimensionen angenommen, eine so gewaltige Ueber-
¹) Die Compositionen einzelner Tragödien des Sophokles, E uripides, Aeschylus, selbst der Frösche des Aristophanes— durch Mendelssohn, Lachner, Meyerbeer, Franz Commer sind bekannt. Horazische Oden sind in grosser Anzahl in Musik gesetzt; Coussemaker theilt in seiner Histoire de l'harmonie au moyen age, Melodien dazu bereits nach Handschriften des X Saecul. mit. Zu Anfang des 16. Jahrhunderts setzte Peter Tritonius Melodien zu den 19 Maassen des Horaz, die von Senfl, Benedictus Ducis, Eccard und vielen Andern nachgeahmt wurden. Vgl. Winterfeld über den Ein-
Hfluss der Kunde des Alterthums auf die Ausbildung der Tonkunst. Leipzig 1850. p. 4. ff. C. F. Becker,
die Tonwerke des 16. und 17. Jahrhunderts p. 295. ff. In neuester Zeit haben C. Löwe, W. Taubert u. A. m. vortreffliche Compositionen horazischer Oden geliefert.


