Aufsatz 
Ueber die Stellung des Musikunterrichts auf dem Gymnasium / von Karl Bogler
Entstehung
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ren. Das schönste Instrument, die menschliche Stimme, das Gefühl für Rhythmus, Gehör oder die Fähigkéit Tonunterschiede richtig wahrzunehmen und wiederzugeben, musikalisches Gedächtniss, selbst der feinere Sinn für Auffassung und schönen Vortrag eines Tonstücks ist den meisten Menschen angeboren. Die Entwicklung und Pflege dieser reichen Fülle von Anlagen zu einem, den höheren Zwecken der Schule entsprechenden Grade ist für nnsre Pädagogik eine um so angenehmere und lohnendere Aufgabe, als bei Durchführung derselben der Hauptgrundsatz der Didaktik, das Fortschreiten vom Näheren zum Entfernteren, vom Leichteren zum Schwereren, eine sehr consequente Anwendang findet. Auch der ver- hältnissmässig rasche Erfolg, der Lohn, welchen der Schüler darin findet, wenn er mit einem geringen Masse von Kraft und Anstrengung etwas Vollendetes in edler Form zu leisten vermag, ist vom pädagogischen Standpunkte sehr hoch zu schätzen, zumal im Ver- gleiche damit die wissenschaftlichen Leistungen des Schülers selten Werth für sich haben, sondern theils als vorbereitende Stufe für höhere wissenschaftliche Ziele, theils der Weckung und Entfaltung der Geisteskräfte dienen. Die musikalische Didaktik ist aber auch darum eine sehr lohnende, weil die Verbindung dieses Lehrgegenstandes mit andern Fächern eine reiche und mannigfaltige ist, und der Unterricht darum sehr anregend und belebend gestaltet werden kann. Denn sowohl rücksichtlich des sinnlichen Materials als des geistigen Inhalts der Tonkunst finden die innigsten Wechselbezichungen zu den meisten Lehrobjecten statt. Die auf dem sinnlichen Material, auf Ton und Zeitmaass be- ruhenden Verhältnisse, die Tonstufen, Harmonie, Akustik etc. werden ebensowohl vom mathematisch-physikalischen als musikalischen Gesichtspunkte den Schülern zur Anschau- ung gebracht werden müssen. Die Gesangübungen stehen ferner mit dem Sprachunter- richte in vielfacher Wechselbeziehung. Eine deutliche Aussprache, richtiges Vokalisiren, welches in unsrer Sprache bei der Häufung der Consonanten und der unvollkommenen Bezeichnung der Vokale selbst nicht unbedeutenden Schwierigkeiten unterliegt, gehört zu den Haupterfordernissen der Gesangbildung und findet in ihr eine schäfere Berücksichti- gung als bei den Leseübungen. Ebenso unterstützt richtiges Athemholen, das sich nicht nur nach den welodischen, sondern auch nach den logischen Verhältnissen des Textes rich- ten muss, Accentuiren, Dynamik, kurz Alles was den Vortrag eines Gesangstückes aus- macht, die sprachlichen Declamations- und Vortragsübungen. Auch die Metrik der deut- schen und der alten Sprachen steht mit der Musik in der engsten Verbindung, weil beiden sowohl die Grundlage, das Zeitmaass, als auch die reiche, freie Entwickelung und Gestal- tung des rhythmischen Baues gemeinsam ist. Die Poetik hat vielfache Veranlassung auf die innige Verbindung von Poesie und Musik in dem Drama, dér Cantate, der Lyrik hin- zuweisen, auf die Besonderheiten poetischer und musikalischer Gestaltung einer Idee auf- merksam zu machen, die sich z. B. im Liede vereinigen, dessen musikalische Form nicht blos eine schärfere Ausprägung der Rhythmik, ein erhöhter tonischer Ausdruck des poe- tischen Gedankens, sondern eine freie Nachdichtung in Tönen ist, die auf der durch den Inhalt des Gedichtes angeregten seelischien Stimmung beruht. Literatur- und Culturge-