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macht vor den übrigen Kunstgattungen errungen, dass wir uns vergebens nach einer Pa- rallele in den Culturzuständen aller Zeiten umsehen und eine solche kaum annähernd in der Vorherrschaft der Plastik im alten Griechenlande finden. Die Musik ist vorzugsweise moderne Kunst. Mit allen Verhältnissen des öffentlichen und Privatlebens ist sie auf's Innigste verwachsen; ihre Uebung und Pflege ist an kein Alter, keinen Stand oder Ge- schlecht gebunden. Sie begleitet den Menschen in allen wichtigen Momenten von der Wiege bis zum Grabe; dem Einzelnen, der Familie ist sie ein unentbehrlicher Besitz. Jedes Dorf, jedes Städtchen hat seinen Gesangverein, seinen Kirchenchor, seine musika- lischen Aufführungen. Keine öffentliche Feier, kein Fest kann der Zierde der Musik ent- behren. Welche Anziehungskraft üben in den grösseren Städten die Concertinstitute aller Art, mögen sie in dem einfacheren Gewande der Kammermusik oder in dem prächtigeren des Symphonie- und Oratoriengenres erscneinen! Welches Interesse nimmt die Oper in An- spruch, das Schoosskind der modernen Welt! Zur Veranstaltung von Gesang- und Musik- festen erheben sich prachtvolle ephemere Tonhallen, deren Aufführung enorme Summen kostet; zu ihnen strömen Tausende zusammen, herbeigezogen durch die innige Liebe und Freude an der Musik. Aber wie Wenige unter der Masse der Zuhörer, selbst derjenigen, die sonst zu den gebildeten Ständen zählen, bringen die nöthige Vorbildung oder wirk- liches Verständniss dazu mit! Es gilt heutzutage als ein Postulat der allgemeinen Bildung mit den Hauptwerken der poetischen Literatur aller Zeiten bekannt zu sein; selbst die Meister der italienischen, niederländischen, deutschen etc. Malerschulen sind in Aller Munde; was aber in der musikalischen Literatur hinter Bach und Händel, ja oft gar hinter Haydn und Mozart liegt, ist den Meisten eine terra incognita. Klingen doch die Namen eines Palaestrina, Orlando Lasso, Allegri, Gabrieli, Gallus, Eccard, Schütz etc. so fremd, als ob sie der fernsten orientalischen Cultur angehörten; haben doch die Wenigsten eine Kenntniss der harmonischen Verhältnisse, des Baues, Stiles, der Gattung eines Musikstücks! Diese lückenhafte theoretische Vorbildung, diese Unwissenheit in einer Kunst, der so viele Tausende hörend und übend mit Enthusiasmus anhängen, ist geradezu eine Schmach fär unsre Bildung und eine ernste Aufforderung an unsre Gymna- sialpädagogik, einer tiefer gehenden, würdigeren Betreibung der Musik, wenn auch zunächst nur fakultativ, mehr Raum und Gelegenheit zu bieten.
Die Kunst bedarf der Gunst. Soll daher die Tonkunst auf unsern humanistischen Bildungsanstalten gedeihen, soll sie ihren hohen Beruf als Bildnerin des Gefühlslebens wuürdig erfüllen, so möge die Gunst aller derer, welchen durch Stellung, Amt und Neigung ein Einfluss auf diese Schulen zustaht, diesem Unterrichtszweige in höherem
Maasse zu Theil werden, als es his jetzt geschehen ist!


