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mit allen Vorzügen und Schwächen abspiegelt, ein unschätzbarer Hort, welchen die Schule hochhalten und pflegen muss. Das deutsche Lied ist nicht nur in der Heimath das innigste Band der Vereinigung, es hält auch jenseits deec Meere die Sehnsucht und Liebe zum Va- terlande wach und bildet den Mittelpunkt aufopfernder Verbrüderung und der edelsten Humanitätsbestrebungen ¹). Zur Erweckung vaterländischer Gesinnung, als eines Zieles der Erziehung, vermag daher der Gesangunterricht auf das Wesentlichste mitzuwirken. Dass die Musik aber auch mit der Pflege des religiösen Sinnes in der innigsten Beziehung stehe, bedarf kaum noch der Andeutung. Sie ist nicht nur ein integrirender Theil und der schönste Schmuck des öffentlichen Gottesdienstes, sondern auch das herrlichste Mittel das religiöse Gefühl anzuregen, zu beleben, zur Andacht zu stimmen. Die religiöse Ton- kunst muss aber auch schon darum das vorzüglichste Object aller Musikbetreibung bleiben, weil sie den reichsten Schatz der erhabensten Meisterwerke zu allen Zeiten hervorge- bracht hat.. Aber nicht blos Gefühls- und Gemüthskräfte werden durch die Musik angeregt und ausgebildet, sondern die Totalität sämmtlicher Geisteskräfte wird durch einen methodischen Unterricht schon von der elementaren Stufe an in Anspruch genommer. Die Gesang- übungen erfordern eine fortwährend gespannte Aufmerksamkeit des gesammten Chores zum richtigen Einsetzen, Tacthalten, Beobachtung der Dynamik, richtiger Aussprache etc. Der Musikunterricht nimmt nicht bloss die Einbildungskraft und das Abstraktionsvermögen in Anspruch, z. B. durch die Nothwendigkeit der raschen Anwendung des Symbols(der Note) für die wirkliche Grösse,(den Ton) durch Aufsuchen einer Tonstuife von einem gegebenen Grundtone aus= Treffen—, sondern es wird auch die Urtheilskraft geschärft, wenn der Un- terricht dem Sprachunterrichte analog betrieben wird. Wie auf der Unterstufe des Sprach- unterrichts, die den grammatikal-formalen Charakter hat, die Mittel für den Gedankenaus- druck materiell und formell erst gewonnen werden müssen, und die Stylübungen nur in Reproduction und Nachbildung bestehen, so wird in der Musiklehre die Verbindung von Singübung und Nachschreiben der durch das Ohr aufgenommenen Tonreihen und Melodien nicht nur die Schärfe der sinnlichen Wahrnehmung auf hohe Weise in Anspruch nehmen, sondern auch das Urtheil beständig zur Prüfung der Richtigkeit der melodischen und rhythmischen Verhältnisse des Niedergeschriebenen anregen. Solche Uebungen können in grosser Mannigfaltigkeit und Ausdehnung vorgenommen, und allmählich durch Nachschrei- ben einer bloss dem Gehöre nach aufgefassten zweiten oder dritten Stimme erweitert wer- den, bis die Harmonielehre, die musikalische Syntax, selbstständig ergänzend eintritt und zu freier Selbstthätigkeit befähigt. Durch solche Uebungen wird eine so vorzügliche Gei-
¹) Die deutschen Liedertafeln in England, Frankreich, Russland, Italien, Constantinopel, in Nord- und Südamerika, am Cap, in Ostindien etc. sind Vereinigungspunkte, von welchen nicht bloss die Pflege des deutschen Gesanges, sondern auch Culturbestrebungen aller Art, wissenschaftliche Belehrung etc. insbe- sondere auch gegenseitige Hülfe und Unterstützung in Noth ausgeht.


