Aufsatz 
Ueber die Stellung des Musikunterrichts auf dem Gymnasium / von Karl Bogler
Entstehung
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der Kirche zu fungiren und bei festlichen und traurigen Veranlassungen in Familien und vor den Häusern Choräle, Motetten, geistliche Lieder vorzutragen. Diese Chorales und Currende genannten Singinstitute bestanden zum Theile aus ärmeren Schülern, welche sich durch ihren Gesang zugleich eine Unterstützung von Schulen, Kirchen und Privaten, die den Gesang verlangten, erwarben. Im Verlaufe der Zeit artete aber das Strassen- singen bei Hochzeiten, Leichenbegängnissep, am Neujahrs- Martini- und Gregoriustage so aus und beeinträchtigte die wissenschaftliche und sittliche Bildung in solcher Weise, dass man diese Chöre an den meisten Orten aufhob ¹). Diese Missbräuche gaben auch theilweise die Veranlassung, dass die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts auftretenden pädagogischen Reformatoren nicht nur gegen diese Singchöre eiferten, sondern überhaupt gegen Musikbetreibung an den Gelehrtenschulen ihre Stimme erhoben, die sie, als mit dem Zwecke derselben und dem Ernste der wissenschaftlichen Studien im Widerspruche stehend betrachteten. Diese Stimmen sowohl, als andere in den Zeitverhältnissen liegende Ursachen wirkten zusammen, dass man den Gesangunterricht an den Gelehrtenschulen fast überall in dem ersten Viertel unsers Jahrhunderts aufhob. Erst der Erfolg der Pestalozzi'schen Grundsätze in den Volksschulen führte die Musik auch allmählich wieder in die Gym- nasien zurück, wo sie sich aber leider, wie oben gezeigt wurde, den ilirem Werthe und ihrer Bedeutung für die humanistische Bildung gebührende ebenbürtige Stellung neben den übrigen Unterrichtsfächern noch nicht wieder erringen konnte.

Dass die unnatürliche Einseitigkeit unsrer vorzugsweise auf Verstandesbildung ge- richteten Erziehung eines Gegengewichtes durch Bildung und Veredlung der Gefühls- und Gemüthskräfte bedürfe, möchten nur wenige Pädagogen heutzutage verkennen. Diese Kräfte, die sich im jugendlichen Alter am bildsamsten zeigen, müssen schon frühzeitig für das Schöne und Gute gewonnen werden, und es ist die Tonkunst darum vorzugsweise als Bild- nerin derselben geeignet, weil sie rascher, unmittelbarer und intensiver auf das Gemüth wirkt, als irgend ein anderes Kunstschöne. Denn nicht wechselnde Klänge oder seelenlose Tonlaute machen das Wesen der Musik aus, sondern es ist die Seele, das Gefühl eines fremden Lebens, welches in Tönen und Tonreihen in unser Gemüth einzieht, in ihm die gleiche seelische Stimmung und analoge Empfindung erregt, etwa wie durch Worte und Sätze unser Verstand der Gedanken und Vorstellungen eines Andern theilhaftig wird. Mit wenigen Accorden ruft sie eine Stimmung hervor, welche ein Gedicht erst durch län- gere Exposition, ein Bild durch längeres Hineindenken erreichen würde, obgleich diesen beiden im Vortheile gegen die Tonkunst der ganze Kreis der Vorstellungen dienstbar ist, von welchen unser Denken die Gefühle von Lust und Schmerz abhängig weiss. Dem Ge- müthe diese Tonsprache zu erschliessen, es zu diesem seelischen Wechselverkehr zu be- fähigen, ist die Aufgabe des Musikunterrichts, wie es die des Sprachunterrichts ist, den

¹) Vgl. Schaarschmidt's, Geschichte der Singchöre. Schneeberg 1807. Schwarz, Geschichte der Er- ziehung, Bd. I. Abth. 2. p. 363 ff. Hientzsch über den Musikunterricht etc p. 14. 24 ff.

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