Aufsatz 
Ueber die Stellung des Musikunterrichts auf dem Gymnasium / von Karl Bogler
Entstehung
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n. Beee Klöstern die Verpflichtung auf, Schulen zu errichten, in welchen die Elementargegenstände. Lesen, Schreiben, Rechnen und Gesang gelehrt werden sollten, sondern er errichtete auch zu Metz und Soissons besondre Seminarien zur Verbesserung des Gesanges und der Kirchenmusik, welche bald die Pflanzstätten der zahlreichen Sängerschulen der fränkischen Monarchie wurden. Neben diesen stand die Sängerschule von St. Gallen in hohem An- sehen, deren Culturfäden sich bald nach dem Kloster Reichenau, ja bis nach Fulda hinspannen, zwei der wichtigsten Bildungsstätten, in welchen nicht nur Wissenschaft und Kunst eine Zuflucht fanden, sondern die alsbald selbst wieder die belebenden Ausgangs- punkte der mannigfaltigsten Culturbestrebungen wurden. In den zahlreichen Klosterschulen, sowie in den Dom- und Stiftschulen der aufblühenden Städte fand also die Musik neben den sprachlichen und wissenschaftlichen Fächern eine ehrenvolle Stelle. Aus den Keimen die in diesen Schulen gelegt wurden, erwuchs die musikalische Theorie, das Notensystem, die Harmonie und der Contrapunkt des Mittelalters; es erblühte bald in Deutschland, den Niederlanden, in Italien und Frankreich die hohe Pracht des kirchlichen Kunstgesangs, der sich aus dem einfach tiefinnigen Hymnus, der Sequenz, dem kirchlichen Volksliede allmählich in kunstvoll verschlungener Stimmführung, in mächtiger Breite der Harmonien und in reich gegliedertem rhythmischen Bau, den gothischen Domen vergleichbar, ent- wickelte. Mit solcher musikallschen Nahrung wurde die Jugend hörend und übend gross gezogen; es stand die Tonkunst vorzugsweise im Dienste der Religion und ihre Uebung in den Schulen war darum nur auf Entfaltung des religiösen Bewusstseins gerichtet. Zu Zwecken des Cultus dienten die aus stimmbegabten Schülern der höheren Schulen gebil- deten Singchöre, welche einen in theoretischer und praktischer Hinsicht tüchtigen Unter- richt erhalten haben mussten, wie sich theils aus den erhaltenen Lehrbüchern, ¹) theils aus der Schwierigkeit der contrapunctischen Stimmführung des kirchlichen Kunstgesangs, die doch von ihnen bewältigt. werden musste, schliessen lässt. Diese Singchöre fanden die Reformatoren vor, und nahmen sich ihrer, wie der Schulen überhaupt, auf das Ange- legentlichste an, weil sie in ihnen ein sehr willkommenes Mittel sahen, die neue Lehre in Wort und Melodie weiter zu verbreiten. Wie gewaltig der Eindruck des wieder erwachten deutschen Volksgesangs ²) in der Kirche, des Chorals, war, geht aus der Aeusserung des Jesuiten Conzenius hervor, welcher klagte: Hymni Lutheri animos plures quum scripta et declamationes occiderunt ³). In fast allen angesehenen Städten des protestantischen Deutschlands bestanden solche Schülerchöre, welche die Bestimmung hatten sonntäglich in

¹) C. F. Becker, systematisch chronologische Darstellung der musikalischen Literatur p. 276. Des-

selben Tonwerke des 16. und 17. Jahrhunderts enthalten von p. 295 an Sammlungen für den Schul- gebrauch.

²) Man hatte übrigens längst vor der Reformation deutschen Volks- und Choralgesang in der katho

lischen Kirche. Vgl. Bollens, der deutsche Choralgesaug in der katholischen Kirche. Tübingen 1851.

³) Koch, Geschichte des Kirchenlieds I, p. 59. 4

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