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ten. In Athen und Theben machte sie einen so nothwendigen Theil der Bildung aus, dass es die Ehre jedes freien Bürgers erforderte, in ihr unterrichtet zu sein. Nicht allein der Verschönerung des öffentlichen und häuslichen Lebens sollte sie dienen, sondern sie wurde geradezu als Hauptmoment der ethisch religiösen Bildung angesehen ¹).»Es ist die Aufgabe der Musik«, sagt Plato»und insbesondre der Chorgesänge, den Kindern edle Grundsätze einzuflösen. Mittelst der Harmonie wird die Seele selbst harmonisch, mittelst des Rhythmus maassvoll, und der Sinn der verbundenen Worte weckt in der Seele das Vernünftige, während Tonart und Zeitmaass das Leidenschaftliche herabstimmen« ²). Dieser ethische Zweck, dem Menschen Maass, Harmonie und Haltung zu geben, schien den Griechen so sehr die Hauptaufgabe der Erziehung durch die Tonkunst, dass nach Ansicht ihrer Philosophen, von Pythagoras bis zu Aristoteles, die Blüthe eines Staates mit der geregelten Betreibung guter Musik in der innigsten Wechselwirkung stand, und man z. B. den Verfall der dorischen Colonien in Sicilien geradezu der Einführung weichlich üppiger Musikweisen zur Last legte ³). Bei den ernsten, nüchtern praktischen Römern dagegen stand die Musik zur Zeit der Republik auf einem sehr niederen Standpunkte, Sie fand meistens nur rituelle Verwendung bei Cultushandlungen, oder diente als Erheite- rungsmittel bei Festen und Mahlzeiten. Als mit der steigenden Entartung, Ueppigkeit und Luxus einriss, wuchs zwar der Geschmack und die Liebhaberei an allen Arten von Ge- sang- und Musikproductionen, niemals aber nahm sie die Stelle eines geistigen Bildungs- elementes in dem Sinne des Plato oder Aristoteles in ihrer Erziehung ein. Mit dem Untergange der alten Welt und dem Siege des Christenthums gewann auch das Wesen der Musik und ihr Verhältniss zur Erziehung eine andere Gestalt. Sie wurde ein inte- grirender Theil des Cultus, und daher wurde der kirchliche Gesang alsbald ein we- Sentliches Object des Unterrichts. Bereits zu Anfang des 4. Jahrhunderts errichtete der Papst Sylvester, und um 350 der Papst Hi larius Singschulen in Rom, in welchen Knaben, schon vom zartesten Alter an im Gesange unterrichtet wurden ⁴). In der von Cassiodor unter Theoderich dem Grossen getroffenen Eintheilung der Schulwissenschaf- ten in das Trivium,(Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und das Quadrivium,(Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie) nimmt die Musik bereits eine wichtige Stelle in dem
Kreise der Schuldisciplinen, den sogenannten sieben freien Künsten ein, eine Stellung, die,
wie die ganze Einrichtung, für das Mittelalter maasgebend blieb. Die Verdienste Karl's des Grossen um das Schulwesen überhaupt, insbesondre aber um Verbesserung des Kir- chengesanges sind allbekannt. Durch ein Gesetz vom Jahre 789 legte er nicht nur den
1
¹) Duncker, Geschichte des Alterthums, IV, 242..
²) De Rep. IV, p. 441, 442. vgl. Legg. III, p. 698; 700, 701 ff. rep. III. 401, 411 etc. Ambros Gesch. der Musik I, p. 333.O
²) Müller Dorier, II, 320.
⁴) Ambros, Gesch. der Musik. II, p. 12.


