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Häufig besteht das Repertoire eines Sängerchores vorzugsweise aus dén Compositionsver- suchen des Musiklehrers, wodurch den Schülern nicht allein die Zeit, Edleres und Besseres kennen zu lernen, weggenommen, sondern oft auch alle Fréude am Gesauge verleidet vird.“ Manche Gesanglehrer scheinen gar von der Meinung befangen zu sein, wie man wenigstens aus der Wahl ihrer Gesangstücke schliessen muss, der Zweck solcher Musikaufführungen sei vorzugsweise der, Heiterkeit bei Schülern und Zuhörern hervorzurufen, aber nicut in
. dem Sinne der Devise, welche über dem Saale eines der ersten Musikinstitute Deutschlands,
des Gewandhauses zu Leipzig, prangt:»Res severa est verum gaudium«! Wenn nun noch dazu kommt, dass die Aufführungen so selten selbst den mässigsten Anforde- rungen entsprechen, die man in Bezug auf Reinheit der Intonation, Rhythmik und Dy- namik an den Vortrag eines Musikstückes stellen muss, wenn IInsKichrer, im Vertrauen auf die musikalische Unkenntniss der Schulbehörden, sich in ihren Leistungen Fehler und Nachlässigkeiten zu Schulden kommen lassen, die in jedem anderer Lehrfache eine Rüge nach sich ziehen würden, so müssen freilich Erscheinungen zu Tage treten, die ebenso gegen die Würde der Tonkunst als gegen den Ernst der Schule verstossen und überhaupt mit der Lehrmethode, den Zielen und Zwecken einer humanistischen Bildungsanstalt im schärfsten WideEsBruon stehen.
Solche Zustände, welche meistens die Folge einer auf sehr niedriger Stufe stehenden, fast handwerksmässigen Musikbetreibung sind, könnten dem Zweifel Raum geben und die Frage rechtfertigen, ob denn in der That die musikalische Bildung ein wesentlicher Theil der numanistischen und demnach eine nothwendige pädagogische Disciplin sei, und ob der Musikunterricht eine ebenbürtige Stelle neben den übrigen Lehrfüchern einer Humanitäts- schule verdiene. Die Praxis der Privat- und öffentlichen Erziehung hat von jehex bei allen Völkern, welche zu den gebildeteren zählen, der Musik einen hohen Rang in Bezug auf Menschenbilqung zuerkannt. Namentlich 389 waren es die Gesetzgeber, Philosophen und Pädagogen der alten Griechen, welche in ihr das vorzüglichste Mittel aller geistigen Bil- dung sahen. Und wenn sie auch unter dem gemeinsamen Namen der Musenkunst— 10uGν— Zunächst die Summe aller nationalen Geistesbildung verstanden, so war es doch vorzugsweise die Tonkunst als solche, welcher sie den veredelnden Einfluss auf Ge- sinnung und Gesittung des Volkes 2ichriehen. Sogar die kriegerisch rauhen Dorier er- lernten Gesang, Saiten- und Flötenspiel und verherrlichten ihre Götterfeste durch Chöre der Knaben, Jünglinge und Greise, und selbst das weibliche Geschlecht nahm singend und tanzend an denselben Antheil ¹). Die Musik war so innig mit ihrem öffentlichen Leben verwachsen, dass die Jünglinge die Gesetze des Lykurg singend erlernten und die Ephoren mit eiserner Strenge über die althergebrachte Einfachheit und Reinheit der Tonweisen wach-
¹) C. O. Müller, Dorier II. p. 323,


