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zum eignen Weiterstudium befähigt oder anregt. Und gerade gegenüber den Anforderun- gen, welche unsre Zeit auch im Gebiete der Musik an den Gebildeten stellt, sollte sich unsre Pädagogik diese»musikalische Pflicht« um so mehr angelegen sein lassen, als die natürlichen Anlagen, zumal der deutschen Jugend für die Musik ganz hervorragende sind, und das jugendliche Gemüth für die Eindrücke der Kunst weit empfänglicher ist, als für die der Wissenschaft.
Aber auch Betrachtungen anderer Art drängen sich uns bei Durchsicht der Gym- nasialprogramme auf. Während in denselben der Umfang des im verlaufenen Schuljahre behandelten Pensums in Sprachen und Wissenschaften sorgfältig mitgetheilt, die Lectüre der Classiker sogar nach Buch und Capitel verzeichnet ist, sieht man sich meistens ver- gebens nach einer gleichen Angabe hinsichtlich des musikalischen Lehrpensums, nach einem Verzeichnisse der von dem Schülerchore eingeübten Gesang- und Musikstücke um, was für Beurtheilung des Umfangs und der Richtung des Musikunterrichts doch durchaus nöthig wäre. Selbst bei Schulfeierlichkeiten rubriciren viele Programme an den betreffenden Stel-⸗ len einfach»Musik« und»Gesangc«, obgleich sie von den Declamationsstücken und
Vorträgen Titel und Inhalt genau angeben. So mag es denn wohl oft vorkommen, dass
Director uud Lehrercollegium einer Anstalt, Art und Character eines Tonstücks, das viel- leicht mit dem Character der stattfindenden Feier in gar keinem Zugammenhange, ja wohl ger dezu im Widerspruche steht, erst im Augenblicke der Aufführung kennen lernen. Dass die Musik vorzugsweise geeignet sei, einem Feste die entsprechende Stimmung und Farbe zu verleihen, wird häufig ganz ausser Acht gelassen. Man betrachte nur die bei solchen Gymnasialfesten vorgetragenen Instrumentalstücke der Schüler; da finden sich alle mög-
lichen Motifs d'Opéras, Transcriptions, Potpourris, Fantaisies, Etudes, Airs und wie denn
die beliebten Modeschilde der faden Producte alle heissen mögen, die nur auf Ohrenkitzel oder süssliche Ueberschwänglichkeit berechnet, leider noch immer der Mehrheit unsrer spielenden Jugend als Substrat des Unterrichts dienen. Auch die Wahl der Chorgesänge
ist oft nicht viel besser. Ist es nicht, gelinde gesagt, eine Tactlosigkeit, wenn bei der
Schlussfeierlichkeit einer Anstalt der Sängerchor nach der Abschiedsrede eines Abiturienten:
„Das klinget so herrlich, das klinget so schön, Nie hab' ich so Etwas gehört noch geseh'n;“
aus Mozart's Zauberflöte anstimmt, oder»ʒHerrn Urian's Reise um die Welt«; wenn moderne Operngesänge, wie Cavatine und Chor aus Euryanhe, aus Tan- cred und horribile dictul sogar aus der Nachtwandlerin ¹) auf dem Programme eines Redeacts figuriren, während wir doch einen fast erdrückenden Reichthum der herr- lichsten Chorgesänge aller Art besitzen, die sich für Schulzwecke vortrefflich eignen?
¹1) Dass das hier angeführte aus Programmen entlehnt. sei, bedarf fast der ausdrücklichen Ver- sicherung.


