Aufsatz 
Ueber die Stellung des Musikunterrichts auf dem Gymnasium / von Karl Bogler
Entstehung
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Singübungen, ja selbst die obligatorische Theilnahme am Sängerchore. An manchen An⸗ stalten wird jedoch der Unterricht auch hier in Einer wöchentlichen Stunde weiter betrieben. Bei einer solchen Einrichtung, wo in einer einzigen wöchentlichen Stunde ein gewisses Maass theoretischer Kenntniss gewonnen, eine hinlängliche Ausbildung des Stimm- materials erreicht und die nothwendige praktische Singfertigkeit erzielt werden soll, kann in keiner Beziehung etwas geleistet werden, und muss der Erfolg quantitativ und qualitativ ein so geringer sein, dass selbst die kurze auf die Gesangübungen verwendete Zeit als Zeitverschwendung erscheint. Nicht viel besser steht es an den Anstalten, in welchen zwar der Unterricht in den Unterclassen in zwei wöchentlichen Stunden ertheilt, in den Oberclassen aber nicht fortgesetzt wird, und die Schüler nicht einmal in einem Sänger- chore Gelegenheit zur weiteren musikalischen Bildung finden. Denn in diesem Falle wird nicht nur die bereits erworbene Ausbildung der Stimme, des Gehörs, des Taktsinnes und der Gesangfertigkeit unbenutzt liegen bleiben, oder geradezu wieder verloren gehen, sondern überhaupt der veredelnde, geistige Einfluss auf das ästhetische, sittliche und religiöse Ge- fühl der eigentliche Zweck aller Musikübung aufhören, und das gerade zu einer Zeit, wo die höhere geistige Reife, die regere Phantasie und das erwachende tiefere Gefühls- leben am meisten eines Corroctivs bedarf. Dass der theoretische Musikunterricht tiefer in die Harmonielehre einginge, bis zur Analyse von Tonwerken, Einführung in Geschichte: oder Aesthetik der Tonkunst betrieben würde, lässt sich aus keinem Programme entnehmen; ja es findet sich an den meisten Anstalten wohl nicht einmal Gelegenheit dazu, und bleibt dieses dem Privatunterrichte und Selbststudium überlassen. Denn in den abgerissenen Notizen, welche von dem Lehrer etwa bei den Ruhepausen der Chorübungen eingestreut werden, wird kein Schulmann im Ernste einen theoretischen Unterricht erblicken wollen. Sehr selten ist aber auch aus den aufgeführten Chorgesängen eine engere Verbindung oder selbst entferntere Beziehung der Gesangübungen zu den übrigen Unterrichtsfächern ersicht- lich, die sich doch so leicht herstellen lässt. Auf wie niedrigem Standpunkte der übliche theoretisch musikalische Unterricht überhaupt stehe, wird am besten dadurch klar, wenn man sich Umfang und Methode desselben auf ein anderes Lehrfach, etwa den deut- schen Sprachunterricht, übertragen denkt. Wollte man in diesem die Schüler, nachdem sie mechanisch lesen gelernt, sich selbst überlassen, oder einseitig nur zur Declamation und zum Vortrage abrichten, ohne ihnen ein tieferes Verständniss der Sprache zu eröffnen; würde man sie weder mit Formenlehre noch Syntax der Sprache bekannt machen, weder auf den geistigen Inhalt noch auf die äussere Form und Gattung eines Lesestücks, den Schriftsteller und seine Stellung in der Literatur näher eingehen, so wäre doch offenbar eine solche Behand- lungsweise längst als eine ganz unzureichende und verwerfliche von der Pädagogik verur- theilt worden In der Musiklehre ist aber dieser niedrige Standpunkt ein althergebrachter, ganz stereotyper. Die Mitgift, welche der abgehende Schüler in diesem Gegenstande empfängt, ist eine so geringe, dass sie nicht im Entſferntesten mit der verglichen werden kann, welche die übrigen Fächer gewähren, eine so dürftige, dass sie ihn selbst nicht einmal