Aufsatz 
Ueber die Stellung des Musikunterrichts auf dem Gymnasium / von Karl Bogler
Entstehung
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matik und Naturwissenschaft wird in allen einzelnen Zweigen gelehrt. Für zweckmäßsige Betreibung der Körperübungen werden und gewiss mit Recht von Staats- und Communalbehörden Tausende zur Errichtung von Turnhallen, Anschaffung von Geräth- schaften, Anstellung tüchtiger Turnlehrer aufgewendet. Sogar auf Reit-, Schwimm- und Tanzumterxicht erstreckt sich die pädagogische Fürsorge der meisten Anstalten. Wenn nun die Gymnasialpädagogik für die allseitige Ausbildung der theoretischen Stände bis zu der Ausdehnung besorgt ist, dass sie selbst solche Unterrichtsobjecte, welche sonst nur der Privaterziehung anheim gegeben waren, theils direct unter ihre Lehrgegen- stände aufgenommen, theils wenigstens unter ihre Obhut und Aufsicht gestellt hat, wenn das Ziel, welches den genannten Lehrfächern gesteckt ist, ein verhältnissmässig hohes, der Grad der Leistungen in denselben meistens ein erfreulicher ist, so liegt die Frage sehr. nahe, warum sie sich denn der Pflege der Musik so wenig annehme. Zwar fehlt die Musik, speciell die Gesanglehre und Uebung nur noch selten in dem Lehrplane einer Humanitäts- schule. Schulbehörden, Directoren und Lehrercollegien lassen sich, hier und da wenigstens, die Pflege des Gesanges ernstlicher angelegen sein, theils in richtiger Würdigung des wahren inneren Werthes dieses Bildungszwciges, theils weil sie in demseben ein vorzügliches Mittel zur Erfrischung und Belebung jugendlichen Sinnes und eine unentbehrliche Zierde des äusseren Schullebens sehen, theils endlich, weil sie die musikalische Beschäftigung über- haupt als ein Abziehungsmittel von schlimmerem Zeitvertreib der Jugend betrachten. Viele Anstalten wurden mit allem erforderlichen Apparate, mit Instrumenten, Musikalien, geeig- neten Gesangsäälen auf das Reichste ausgestattet; Gesangchöre und freiwillige Schülerver- eine wurden gebildet, die Schulfeierlichkeiten mit musikalischen Aufführungen geschmückt, ja besondere Schulconcerte veranstaltet. Die Messcataloge bringen jährlich eine reiche Literatur theoretischer und praktischer Singschulen und Liedersammlungen. Einzelne Gymnasien, vorzugsweise solche in grösseren Städten, erfreuen sich durch die Trefflichkeit ihrer musikalischen Leistungen schon seit langen Jahren eines selbst über die Gränzen des Vaterlandes hinausgehenden Rufes; so namentlich die ehrwürdige Thomana in Leipzig, die Kreuzschule in Dresden. So erfreulich aber auch diese Thatsachen sind, so können sie doch, wenn man die Verhältnisse einer eingehenderen Prüfung unterzieht, nicht täuschen. Denn diese ernstlichere Betreibung der Musik erstreckt sich vorzugsweise doch nur auf Erzielung eines glänzenden Resultates der Chorgesangübungen, die theo- retische Ausbildung aber reicht meistens nicht über die nothwendigsten Elementarkennt- nisse hinaus, und die Instrumentalmusik ist nicht nur gänzlich der Obhut, sondern auch ſast allem Einflusse der Schule entzogen. Aber selbet nur in einem kleinen Theile der Gelehrtenschulen findet eine hinreichende Pflege des Chorgesanges statt. Eine Musterung der jährlich erscheinenden Gymnasialprogramme wirft mitunter Schlaglichter sehr uner- freulicher Art auf diesen Unterrichtszweig. Die Lectionsübersichten vieler Anstalten weisen nur je Eine wöchentliche Gesangstunde in den Unterclassen nach; in den Oberclassen hört nicht nur der theoretische Unterricht gänzlich auf, sondern häufig auch alle praktischen

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