Aufsatz 
Ueber die Stellung des Musikunterrichts auf dem Gymnasium / von Karl Bogler
Entstehung
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Ueber

die Stellung des Musikunterrichts auf dem Gymnasium.¹)

Musika ist eine halbe Dizcipün und Zuchtmeisterin, so die Leute gelinder und sanftmüthiger, sittsamer und vernünftiger macht. M. Luther.

Wenn das deutscue Gymnasium Humanitätsbildung im vollen Sinne des Wortes er- strebt, die in der harmonischen Ausbildung aller Geisteskräfte, sowohl der auf Erkenntniss- als der auf Gefühl und Willen gexichteten besteht, wenn seine Erziehung zum Zwecke hat religiöses Bewustsein, wissenschaftlichen Sinn und vaterländische Gesinnung zu erwecken, so ist es eine auffallende, schwer zu begreifende Erscheinung, dass die Musik, deren innigste

Beziehung zu diesen Zielen der Schule selbst eine oberflächliche Betrachtung nicht ver- kennen kann, noch immer eine so untergeordnete, ja theilweise geradezu unwürdige Stellung in der Reihe der Unterrichtsmittel einnimmt. Dieser Vorwurf ist zwar alt, Seit einem halben Jahrhundert stets wieder erhoben, aber er ist leider noch immer sehr begründet. Das Gymnasium hat sich allmälig eines reichen und mannigfaltigen Unterrichtsstoffes bemächtigt. Es trägt nicht mehr den Forderungen formeller Bildung allein, sondern anch den Bedürf. nissen des praktischen Lebens Rechnung. Neben den alten und der vaterländischen Sprache hat die französische, englische, ja selbst die italienische festen Fuss gefasst. Der Unter- richt in Geschichte und Geographie nimmt fortwährend an Tiefe und Umfang zu. Mathe-

*) Zu einer allseitig erschöpfenden Behandlung dieses Themas würde der enge Raum eines Gymna- sialprogramms bei Weitem nicht ausgereicht haben. Der Verfasser musste sich daher darauf beschränken, die gegenwärtige Stellung des Musikunterrichts an den Gymnasien zu beleuchten und sein Verhältniss zur gesammten Gymnasialpädagogik kurzg zu exörtern. Alles, was sich auf die Hindernisse, die diesem Lehr- fache entgegen stehen, auf die Mittel zur Beseitigung derselben, den Uanfang und die Ausdehnung des Unter- richts, den Lehr- und Uebungsstoff, das Verhältniss der Gesang- nnd Instrumentalmusik sowie auf die Metho- dik bezieht, mag einer ferneren Erörterung vorbehalten bleiben. Dass die Programme, welche zu speciellen Ausstellungen Veranlassung gegeben haben, nicht genannt sind, versteht sich von selbst, ebenso, dass die

jeiuschlagenden Schriften von Heinroth, Kabath, Hientzsch, Fischer, Keferstein, Kloss, Lauff,

Stallbaum, Lange, Lanz, Marx Cc. benutzt worden sind. 1*