Aufsatz 
Ueber die Notwendigkeit, unsere Schüler von vornherein zu einer korrekten Aussprache des Lateinischen anzuleiten / Amelung
Entstehung
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Wie ich aus eigener Erfahrung versichern kann, sind die Schüler bei solchem Unter- richtsbetrieb ausserordentlich bei der Sache, ja suchen selbst ähnliche Formen von Substantiven und Verben oder Adjektiven und Verben zu finden oder auf verdächtig gleich oder ähnlich ausgehende hinzuweisen. Weiteres siehe Seite 11 u. 12.

Der grosse Vorteil, welcher dem Schüler aus einer sorgfältig gepflegten genauen, regel-

rechten Aussprache des Lateinischen erwächst, tritt zunächst klar zu Tage beim Lesen. Es liegt eine ganz andere Melodie in dem so gesprochenen Latein, der Satz bekommt mehr Farbe oder vielleicht richtiger Schattierung. Ein ungeahntes Hilfsmittel wird dem Schiller aber zum Lesen und Verständnis von Versen an die Hand gegeben Fehlerhafte Neigungen, im Verse(Hexameter) immer betonen zu wollen ämicitiam statt ämicitläm, agricolam statt dgricöläm, laetitiam statt laétitiäm, fügam statt fugäâm, régina zu messen statt régina, dôminus statt déminus, gladius statt glädiüs, dea statt déâ, Öcülüs statt Sculüs u a. m., werden von selbst fortfallen, wenn von Anfang an die Aussprache gewissenhaft betrieben ist. Häufige Fehler, welche durch Uebersetzungen von Wörtern entstehen, welche dem Aussehen nach gleich, nur durch die Quantität eines Vokals verschieden sind, werden zu den Seltenheiten gehören.. Hier muss ein anderer Umstand erwähnt werden, der das Sprechen von ti= zi im Verse direkt verbietet. Wer amicitiam= amicitsiam spricht, macht das i vor dem t durch Position lang, was durchaus verwerflich ist. Es wird im Hexameter stets betont amicitläm, nie anders. Wozu also soll man durch Nachlässigkeit Fehler heraufbeschwõören, gegen welche nicht nur die Lautlehre, sondern auch die Metrik mit Fug und Recht protestiert?

Bereits oben war dem Schüler die Verschiedenheit der lateinischen Aussprache der Wörter insula und bestia von den deutschen Wörtern Insel und Bestie aufgefallen. Bei Vok, 4 mache der Lehrer auf constantia und insidiae besonders aufmerksam. Die Regel, dass vor ns jeder Vokal im Lateinischen lang ist(Cicero, Orat. 48§ 159) lässt man später, wo man bei ähnlichen Fällen stets alle von früher her bekannten wiederholen lässt, den Schüler selbst finden. Gelegenheit bietet sich bei Vok. 9 bei magnus, Vok. 18 bei cönsul und besonders Vok. 19 bei Carthaginienses, Athenienses, mons, Vok. 26 bei gens, 28 bei mensis, 31 cônsilium, 69 respönsum etc. Zu beachten ist der Unterschied in der Aussprache von gens und géntis. Der Schüler wird auf die Aufforderung des Lehrers, ihm Wörter zu nennen, in denen vor nt der Vokal kurz sei, eine Menge schon gelernter Vokabeln zusammenbringen, wie von Verben sunt, habent, delectant, donant, parant etc, von Substantiven sapientia, prudentia, constantia, eloquentia, potentia und wird die Regel, dass vor nt jeder Vokal kurz ist,- selbst finden. Auf bereits dagewesene Ausnahmen, deren Behalten man lediglich dem all- mählich geübten Ohre des Schülers überlässt, weist man ihn hin, so auf núntius(Vok. 5), cöntio(Vok. 26). Eine Wiederholung dieser Regeln spart man sich auf für die Vok. Nr. 37 bei dem Lesen der Adjektiva sapiens, sapiéntis, potens, poténtis, ingéens, ingéntis, constäns, constäntis etc., vergleiche 78 adulescens, adulescéntis, 84 mens, méntis, 103 frons, fröntis. Man weise den Schüler auf die Bildung der Substantiva sapientia, potentia, constantia etc. hin. Auf die Frage, von welchem Kasus von sapiens das Subst. sapientia gebildet sei, wird jeder die richtige Antwort geben. Nur wer falsch spricht sapientsia, wird antworten, dass sapientia von Nomin. sing. sapiens gebildet sei. Hier sieht man klar und deutlich, wie verkehrt die nachlässige falche Ausprache des Lateinischen ist. Sie führt zu keinem grösseren Fehler, als zu Verkehrtheiten oder Unklarheiten in der Vorstellung von der Wortbildung.

In Vok. 4 lernt der Schüler das Wort ignävia kennen, in Vok. 9 lasse sich der Lehrer, bevor er magnus liest, die Aussprache von ignavia wiederholen, beide Wörter werden wieder- holt in Vok. 22 vor dignitäs, alle drei Wörter in Vok. 25 vor mägnitudo, alle vier Wörter in Vok. 29 vor cögnomen. Hier muss der Schüler selbst herausbringen, dass vor gn jeder Vokal im Lateinischen lang ist. Die Beispiele sind in Vok. 51 regnum, 57 expügnare, 59 pügnare, 69 lignum, 104 benignus stets zu wiederholen; nur so wird sich die Aussprache unauslöschlich dem Gehör einprägen. Man braucht nicht zu glauben, diese Wiederholung erfordere viel Zeit, im Gegenteil, die Schüler wetteifern, selbst alle hierher gehõrigen Wörter