Hierauf schreibt der Lehrer an die Tafel— Minérva— cölümba— püëlla— und lässt vom Schüler den Verstoss gegen die oben(S. 7) genannte Betonungsregel heraus- finden. Er vergleicht die vorletzte Silbe dieser Wörter mit derjenigen in
äqusla— insüla— fémina. Lehrer: Wie viele Konsonanten stehen hinter dem Vokal der vorletzten Silbe in den Wörtern Minerva, columba, puella?
Schüler: Zwei.
Lehrer: Und wieviele Konsonanten stehen hinter dem Vokale der vorletzten Silbe in den Wörtern aquila, insula und femina?
Schüler: Einer.
Der Lehrer ergänzt die Betonungsregel dahin: Folgen in mehr als zweisilbigen Wörtern mehrere Konsonanten auf den Vokal der kurzen vorletzten Silbe, so wird diese betont. Mögen vielleicht zwei Stunden mit der Auffindung dieser Regeln hingebracht sein— in diesen Stunden werden selbstverständlich auch die betreffenden Stücke übersetzt und besprochen— so schadet das garnichts. Der Schüler ist so in den Stand gesetzt, das richtige Lesen der Vokabeln selbst zu finden, was ihm ungleich grössere Freude beim Lesen machen wird als das beständige Tappen im Dunkeln. Haben sich die Schüler obige Regeln angeeignet, so ist damit ein sicherer Grund für die richtige Aussprache des Lateinischen für die ganze Schulzeit gelegt. Der Lehrer darf natürlich nicht versäumen, diese Regeln stets bei passender Gelegenheit, an der es in keiner Stunde mangelt, den Schülern ins Gedächtnis zurückzurufen.
Mit diesen Regeln ist allerdings nur das Wichtigste der lateinischen Aussprache gegeben. In einem Worte wie z. B. bestia ist das e lang, in förma und ôorno das o, in narro das àâ, in custos das u. Diese Fälle für den Schüler unter Regeln zu bringen, ist unmöglich. Sehr oft wird die Ableitung des betreffenden Wortes die richtige Aussprache lehren. So wird gesprochen iustus und iustitia nach ius, illustris(aus illuc-stris) nach lüx, lücis, sceléstus nach sceléris(aus scelés-is), danach modéstus, honéstus u. a. Das Griechische giebt Finger- zeige in Christus, Scythae, Ephésus, Lacedaemönii, Démösthénes, Macédönes, Miltéädés, Thémistöcles, Aristötéles, Sälamis, Märathon, Juppiter(Zeu pater). Es genügt in den eben erwähnten Fällen, dass der Lehrer von Anfang an dem Schüler die Wörter genau vorspricht, für diesen bietet die richtige Aussprache dann keine Schwierigkeiten mehr; er eignet sich, wenn er von Anfang an hierzu angehalten wird, mit derselben Schnelligkeit die richtige Aussprache an, als er sich an die falsche gewöhnt. Zu sprechen ist regis, danach réx, légis und lex, pacis und pax, lucis und luüx, dagegen dücis und düx, nõctis und nõx, nivis und nix etc. Eine vorzügliche Uebung für das Gehõr des Schülers bietet eine Vergleichung von Verben der 3ten Konjugation mit Substantiven der 3ten Deklination. Er unterscheidet recht bald und mit sichtlichem Interesse légis„du liest“ von legis„des Gesetzes“, léges„du wirst lesen“ von leges„die Gesetze“, légi„gelesen werden,, von legi„dem Gesetze“ und„ich habe gelesen“, légé„lies“ von legé„durch das Gesetz“.
Derartige Zuzammenstellungen bringen in die Konjugationsübungen eine grosse Ab- wechselung, stärken das Sprachgefühl des Schülers und erhöhen— last not least— die Aufmerksainkeit der Klasse im hohen Grade. Die Schüler merken allmählich ganz genau, dass es bei einem so betriebenen Unterrichte garnichts nützt, ein paar mit einem oder nur einem halben Ohre gehörte Buchstabengruppen aufzufangen, sondern dass die grösste Auf- merksamkeit erforderlich ist. Selbst von Natur nachlässige Schüler zeigen bald Eifer, um nicht hinter aufmerksamen zurückzustehen. In derselben Weise wie oben légo mit lex, wird auch düco mit düx verglichen: ducis— dücis, duci— düci, duces— düces, schliesslich kommt die Frage: Welche Form ist dücem? Giebt es auch dücem? Man stelle zusammen bellä und bellä, arma nnd armä, statuis und statuis, fügâ und fügä, cürd und cuùrä, võcès und võöcés. Der Schüler hört mit erhöhter Aufmerksamkeit zu, wenn er erfährt, dass das Verbum ämor ihm schon im Subst. ämor bekannt ist. Vokalgleichheiten wie Vokalverschiedenheiten bringen Abwechselung in den Untericht: ämaâris und amòôris amari und amori, libereès und Iiberi, laudem— laudem, laudes— laudés.


